Gefangen im eigenen Kopf // Über’s schüchtern Sein

Ich erinnere mich daran, dass ich mich vor 10 Jahren kaum getraut habe, mit einer fremden Person zu telefonieren. Es war mir schrecklich unangenehm, ich wusste nicht, was ich sagen sollte und hatte Angst, seltsam rüber zu kommen. Genau so war es beim Bezahlen im Bus oder an der Supermarktkasse. Ich habe mir voraus überlegt, wie ich gleich reagiere und war richtig nervös. Ein Referat hat mir schon Tage vorher Bauchschmerzen bereitet, neuen, ungewohnten Situationen und Herausforderungen bin ich, wenn möglich, fast gänzlich aus dem Weg gegangen.

Heute kaum vorstellbar für mich.

Vielleicht bin ich irgendwann einmal schief angesehen worden, habe etwas gesagt, das keiner lustig fand, mich auf irgendeine Art ‚unangebracht‘ verhalten oder bin sonst wie abgewiesen worden. Ich weiß es nicht. Irgendwann habe ich mich in mein Inneres zurückgezogen, wollte nicht mehr raus in die Welt, wollte nicht interagieren, kommunizieren und offen sein. Ich war lieber in meinem Schneckenhaus, mit meinen Gedanken alleine, so dass keiner über sie urteilen konnte.
Mittlerweile würde ich mich nicht mehr als schüchtern bezeichnen. Ich bin manchmal in mich gekehrt und denke lieber nach, als dass ich mich an einer Konversation beteilige. Aber meistens, weil ich es so will, weil mir nicht nach Reden ist. Früher hatte ich oft Angst, etwas Falsches zu sagen, wollte eigentlich mitreden, weil ich dachte, das müsste ich, habe mich aber nicht getraut.

Willst du gerade einfach nichts sagen oder traust du dich nicht?

schüchtern_blogpost_quarterlife

„Sag doch mal was!“, „Du bist ja mega schüchtern!“, „Alles ok?“
Man fühlt sich oft angegriffen, „ertappt“, oder bloßgestellt. Das Schüchtern sein wird wie ein Makel hervorgehoben, wie eine Krankheit, von der man besser schnell geheilt werden sollte.
Ich glaube es ist wichtig, erstmal zu akzeptieren. Es ist völlig OK schüchtern zu sein. Mag sein, dass andere alles ausplaudern, was ihnen in den Sinn kommt. Nicht jeder muss das, manche Menschen werden dich sympathisch finden, gerade weil du nicht so bist. Du darfst still, schüchtern, leise und zurückhaltend sein. Solange es dich selbst nicht belastet, gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Belastet dich deine Schüchternheit selbst?

Du willst nun aber doch ein Stückchen Schüchternheit ablegen? Was hilft? Konfrontation und Schonung zugleich!
Ohne die Komfortzone zu verlassen, wirst du dich nicht weiterentwickeln, das steht außer Frage. Aber bitte fang nicht mit einem Vortrag vor Hunderten von Menschen an. Ein schiefer Blick wird dich auf Stufe 0 zurücksetzen. Du musst auch nicht direkt der nervigen Sitznachbarin, die dich eh nicht leiden kann, deine Meinung in voller Härte unterbreiten. Fang in einem Rahmen an, in dem du dich wohlfühlst. Bei Freunden, Familie, Menschen, die dich mögen. Erzähle ein bisschen mehr als sonst, mache einen Vorschlag, misch dich ein. Setz dich nicht mit Absicht extrem unangenehmen Situationen aus und sei nicht extra hart zu dir, um dich danach dafür fertig zu machen, dass du gescheitert bist. Einen Fremden nach der Uhrzeit oder dem Weg fragen wäre ein Anfang.

Was mich weniger schüchtern hat werden lassen

Alleine verreisen – beim Backpacken im Hostel wird man automatisch zum Smalltalkprofi. Man unterhält sich mit vielen verschiedenen Menschen aus aller Welt, und das mit einer völligen Selbstverständlichkeit. Keiner fühlt sich komisch, weil er jemanden anspricht, es gehört zum Hostellife dazu. Manche Gespräche gehen 2 Minuten, andere Stunden. Man bleibt jedenfalls nicht lange alleine und ist mehr oder weniger gezwungen zu socializen.
In eine neue Stadt ziehen und ganz von vorne anfangen – mega beängstigend, aber effektiv. Es ist unbequem, neue Freundschaften, ein neues Umfeld aufzubauen. Man fühlt sich am Anfang vielleicht öfters einsam und awkward, aber wenn man es geschafft hat, viele Leute getroffen, viel geredet, viel mit Unbekannten gelacht hat, nimmt die soziale Hemmschwelle immer mehr ab.
Sich immer wieder klarmachen, dass es wirklich egal ist, was andere denken – die Gedanken anderer gehen einen eigentlich überhaupt nichts an und beeinflussen können wir sie sowieso nicht. Außerdem: Niemand schert sich so sehr um dich, wie du vielleicht denkst, denn jeder ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Du glaubst, es war unterirdisch peinlich, dass du in der U-Bahn vor dem coolen Typen gestolpert bist? Er hat vermutlich nicht mal registriert, was passiert ist, und war in Gedanken darüber versunken, was er heute zu Mittag essen soll oder wie er seinen Mitbewohnern erklärt, dass er eine Katze namens Jürgen adoptiert hat.

IMG_0874

4 Kommentare

  1. Ich war früher auch schüchtern. Aber es hat mir besonders geholfen, dass ich durch neue Kontakte aus meiner Komfortzone gelockt wurde und sie mich dahin unterstützt haben, mich weiterzuentwickeln!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s