Tinderella to be // Die Sache mit der Unverbindlichkeit

Sind wir wirklich nicht mehr fähig, uns dauerhaft -oder zumindest mal für die nächsten Monate und gegebenenfalls Jahre- zu binden? Wenn man in Sachen Beziehung Ausflüchte wie „Sorry, aber ich will gerade keine Beziehung“ abzieht, denn diese bedeuten in den meisten Fällen sowieso nur, dass wir den anderen einfach nicht soo toll finden und er deshalb nicht als Partner in Frage kommt, bleibt trotzdem eine Hand voll Unentschlossenheit, Bindungsunwilligkeit, Zweifel. Eine große Hand voll.

Liegt das an uns?

Die Auswahl ist in der Tat riesig, in jeglicher Hinsicht. Wir können mittlerweile fast die ganze Welt bereisen, in Südafrika, London oder Amsterdam studieren und Auslandssemester oder Erasmusaufenthalte absolvieren. Wir können uns zwischen hunderten, tausenden Studiengängen entscheiden, können uns auf jede noch so abwegige Richtung spezialisieren.

Wir können unseren Lebenslauf zusammenbasteln und modifizieren, wie ein schlecht geschossenes Foto auf Photoshop. Hier ein Praktikum im Ausland, da freiwillig ein Hilfsprojekt unterstützen, Bachelor an Ort X, Master an Ort Y, zwischendrin einmal um die Welt.

Wir sind nicht oft nicht mehr verwurzelt, unsere Freunde und Bekannten sind überall und wir ebenso. Wir würden am liebsten alles aufeinmal und gleichzeitig machen, möglichst schnell und viel davon. Jedes Viertel Jahr ein neuer Lebensabschnitt.

Das scheint sich auf die Partnersuche wunderbar übertragen zu haben. Onlinedating gibt es schon länger, aber die maximale Effizienz von unterwegs zwischen zwei Terminen schnell 100 Personen hin und her wischen ist erst mit Tinder richtig populär geworden.

Wenn wir dann tatsächlich mal über den ‚Hi, wie geht’s?‘-Smalltalk via Chat hinauskommen und jemanden treffen, der sich eine unglaublich originelle Art ausgedacht hat, uns anzuschreiben (denn sonst reagieren wir natürlich gar nicht erst auf eine Nachricht, was soll das auch) erzählen wir uns wieder und wieder gegenseitig, dass wir nichts Bestimmtes suchen, nur mal gucken, und wenn sich was ergibt, dann ist es so.

Genau das kommt dann auch dabei heraus, nichts Bestimmtes. Wenn es gut läuft, sind maximal 2 Treffen drin, wenn dann nicht der Funke gewaltig übergesprungen-, oder der andere eine Weile nicht verfügbar ist, gehen wir direkt zum nächsten über. Warum auch nicht? Wir können in jeder Stadt, zu jeder Zeit tindern, die Auswahl ist unendlich groß. Erstmal abwarten und sehen, wie sich etwas entwickelt tun wir nicht, wir könnten in der Zeit ja etwas Großartiges verpassen. Oder einfach nur irgendetwas verpassen. Das macht uns Angst. Also treffen wir mehrere Leute gleichzeitig bis dann alles im Sande verläuft. Alles bleibt vage und oberflächlich.

Dass wir gerade dadurch etwas verpassen, nämlich echte Beziehungen, die sich entwickeln, die Zeit brauchen, die vielleicht auch scheitern, die aber wenigstens versucht wurden, das wissen wir eigentlich. Aber wir können nicht anders. Während unserem Wochenendtrip sonst wo wird wieder mal Tinder ausgepackt und der vom vor-vor-vorletzten Mal hat sich auch gerade wieder gemeldet. Das Festlegen, das Warten, das fällt uns so schwer. Oberflächlich ist ungefährlich.

Wir ziehen doch auch sowieso bald wieder um. Nach dem Praktikum/Bachelor/Master fängt das Spiel von vorne an, neue Stadt, neue Leute, neues Leben. Jetzt noch jemanden richtig kennenlernen? Nee, lohnt sich nicht.

 

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