Quarterlife Crisis // Mitte Zwanzig und noch nichts erreicht

11 Jahre alt und frisch auf dem Gymnasium, kamen mir die Abiturienten so unglaublich erwachsen vor. Sie waren groß, hatten große Brüste (die weiblichen), coole Kleidung und waren volljährig. Natürlich waren sie erwachsen.

Spätestens als ich selbst am Ende der Schulzeit angekommen war, war klar, dass der Eindruck von damals vielleicht nicht ganz der Realität entsprochen hatte. Kein Mensch, inklusive mir selbst, hielt mich für erwachsen.

Ein ähnliches Szenario ein paar Jahre später. Wir sollten im Englischunterricht eine Collage zusammenstellen, die zeigen sollte, wie unser Leben in 10 Jahren aussehen wird. Ich war schätzungsweise 13 oder 14, und auf meinem Blatt waren unter Anderem ein Porsche, ein schicker Ehemann und ein großes Haus zu sehen. Uns war allen klar, dass wir in 10 Jahren richtig was gerissen haben würden. Karriere, Geld, perfekte Ehe.

Haha.

Ich bin nun in dem „10-Jahre-später-Alter“ und habe nichts von all den Dingen. Zum einen, weil sich die Prioritäten verschoben haben. Zum anderen weil heutzutage besagte Collage wohl eher auf das Leben eines Mittvierzigers passen würde. Wenn überhaupt.

Ich brauche keinen Porsche und kein Haus. Trotzdem ist da diese Unsicherheit. Nicht nur bei mir, bei sehr, sehr vielen Mittzwanzigern. Diese kollektive Angst und Unsicherheit. Wollten wir in dem Alter nicht schon etwas erreicht haben? Sollten wir das nicht? Wann denn dann? Warum haben wir immer noch keine Ahnung, wohin mit uns?

Als am Ende der Schulzeit nach zahlreichen Tests, Unibesuchen, Gesprächen und Brainstormings endlich feststand, was man studieren/ in was man sich ausbilden lassen wollte (wahlweise Verlängerung dieser Phase durch ein Gap Year, FSJ, FÖJ, FHGIEPSIVHJ o.Ä.), dachte man, der Drops ist erstmal gelutscht. Ich studiere XYZ im Bachelor, hänge vielleicht noch einen Master ran in der gleichen Fachrichtung und danach kommt ein Job, in dem ich das gelernte anwenden kann. Gut ist.

Dann kam beim ein oder anderen die Ernüchterung: Was zur Hölle soll man mit diesem Studium anfangen? Abbrechen oder durchziehen? Wieso bin ich nach den 3/4/5 Jahren immer noch nicht viel schlauer?

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Irgendwann ist das erste Studium (des Öfteren nicht in der Regelstudienzeit) dann tatsächlich geschafft. Und man ist wieder am Anfang, ähnlich wie nach dem Abitur. Was jetzt? Ich habe die 20 schon überschritten, ich bin Akademiker und habe trotzdem noch keinen Plan, wie es weitergehen soll. Jetzt schon arbeiten? Noch ein Master? Noch ein neuer Bachelor? Irgendwas ganz anderes? Wieder erstmal reisen?

Der Weg ist nicht vorgegeben, es gibt endlos viele Möglichkeiten, die uns überfordern.

Aller, aller spätestens mit 25 wollten wir aber doch alles in Sack und Tüten haben. Jetzt sind wir aber in Lateinamerika und versuchen herauszufinden, was wir denn eigentlich wirklich wollen. Ohne perfekten Ehemann, ohne Haus, ohne Porsche und vor allem ohne Karriere.

Da es doch die ein oder anderen Objekte unter uns gibt, die wirklich schon erfolgreich sind und deren Leben geregelt verläuft, setzen wir uns immer mehr unter Druck. Wenn XYZ das kann, wieso ich dann nicht? Warum habe ich 2 mal die Studienrichtung gewechselt und 5 komische Praktika gemacht, Herr Gott nochmal?

Irgendein Job, irgendein Wohnort, irgendein gewöhnlicher Lebenslauf reicht einfach nicht mehr. Das hat doch jeder. Was macht einen denn noch besonders?

Die Uhr tickt. Für die weiblichen Twentysomethings noch ein bisschen lauter, schließlich müssen wir Karriere gemacht haben, bevor das erste Kind kommt. Ein wenig zumindest schon. Damit man dann eine kleine Karrierepause machen kann. Oder so. Die Ansprüche und Erwartungen sind so hoch, dass wir sie kaum noch sehen können.

Ich frage mich auch öfters mal, was ich die letzten Jahre eigentlich gemacht habe. Grob weiß ich das schon, aber was genau habe ich Tag für Tag getrieben und wieso hat so wenig davon Früchte getragen? Ich gehe dann immer weiter zurück, bin richtig wütend, dass ich nicht in der Schulzeit schon angefangen habe, einen Grundstein für’s erfolgreich Werden zu legen. Hätte ich statt jeden Abend GZSZ gucken und mittags in der Stadt rumhängen nicht irgendwie produktiv sein können? Und während dem Studium, hätte ich die ersten Semester nicht weniger feiern gehen, und dafür ein paar mehr sinnvolle Aktivitäten unternehmen können?

All diese Gedankenwollmäuse bringen natürlich nichts. Vorbei ist vorbei und erwachsen Werden ist sowieso ein Fulltimejob. Ich habe gelebt, das habe ich gemacht.

Vielleicht sieht’s in 10 Jahren besser aus.

 

14 Kommentare

  1. „Ich habe gelebt, das habe ich gemacht.“ – Wenn Du das sagen kannst, dann ist das nicht wenig, liebe Arunika. –

    Deine Gedankenwollmäuse kann ich durchaus nachvollziehen, obwohl ich so einen ganz anderen Lebenslauf habe, wahrlich aber keinen „glatten“.

    Ich war Mitte/Ende 20, da war praktisch von einem Tag auf den anderen mein Leben bis dato in Frage gestellt. Und vieles wurde dann sehr schnell mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Mein ganzes Studium war plötzlich für die Katz, ich verlor meine Arbeit, während der ich gerade begonnen hatte an meiner Promotion zu arbeiten. Ich war sogar für einem Moment in Gefahr, keine eigene Wohnung zu finden.

    Das alles kam so, weil ich ein Kind der sogenannten „Wende“ bin, in der DDR geboren und aufgewachsen, auch dort studiert.

    Ich habe dann beruflich völlig neu anfangen müssen, mein Studium war buchstäblich nichts mehr wert. Ich habe mir eine Arbeit gesucht und habe „nebenbei“ nochmal studiert an Abenden und Wochenenden. Geheiratet habe ich mit 35. Ich musste, wenn ich mit meiner Frau zusammenleben können wollte. (Das ist nochmal eine Geschichte für sich.)

    Mein zweiter Beruf, den ich bis heute ausübe, hat mich nicht reich gemacht, ist aber sehr stark mit für mein Krankwerden und -sein verantwortlich. – Ich stehe seit ein paar Jahren immer mal wieder an einem grundsätzlichen Scheideweg, weil es mit der Gesundheit nicht besser werden will – gerade meine heute verfasste Tagebuchseite erzählt, wie es insoweit aktuell um mich steht.

    Ich bin wohl an die 30 Jahre älter als Du, und ich stelle mir wie Du oft die Frage, was ich die ganzen Jahre eigentlich gemacht habe.. Eine Antwort zu geben, wie Deine da oben, fällt mir sehr schwer. Es war nicht wie bei Dir.

    Warum ich das alles schreibe?

    Weil ich Dir sagen möchte, dass man nie weiß, was man wirklich „richtig“ macht, nie weiß, was einem datzwischenfunken kann, so viel man auch nachdenkt und -sinniert, auch im Nachhinein.

    Und weil ich Dir sagen möchte: Mach’s anders, mach’s besser als ich! Bitte!! Deine Antwort oben macht mich zuversichtlich für Dich. Vielleicht kannst Du das ja aufnehmen …

    Viele liebe Grüße an Dich!

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    1. Das klingt sehr hart! Hut ab, dass du aber trotzdem nochmal studiert und dir wieder was aufgebaut hast, das war sicher nicht einfach! Ja, es kommt bestimmt immer wieder der Punkt, an dem man neu entscheiden und sich neu orientieren muss. Das wird wohl nie aufhören.
      Liebe Grüße und schönes Wochenende!

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  2. WORD. Danke für deinen tollen Beitrag. Genau die Dinge schwirren mir gerade auch durch den Kopf. Ob das Studium wirklich das richtige ist, wie es in ein paar Jahren ausschaut und was man eigentlich im Leben will. Tja, ich denke man weiß es erst, wenn man es bereits hat und sich auf einmal denkt “Hey, ist doch eigentlich alles perfekt so wie es ist‘.

    Liebe Grüsse Maren

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  3. Einatmen und ausatmen, den Kreislauf kreisen und die Verdauung verdauen lassen. Schau auf die Katze hinter dem Ofen, die im Sommer über die Wiese tollt und an den Pflanzen riecht: Von der Katze sollten wir lernen. Das Leben ist der Sinn des Lebens. Wir aber hasten der Zeit hinterher, sammeln Zeugnisse und Qualifikationen, messen uns an unseren Karrieren, Sparkonten und Autos. Ein einziger Kuss ist mehr wert.

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  4. Ich glaube du sprichst mit diesem Text ganz vielen aus der Seele. Dieses ständige Wiederfragen und Zweifeln, ich kenne das nur all zu gut. Aber ich glaube so lang man selbst weiß und sagen kann „ich habe gelebt“ ist das die Bestätigung dass doch alles einen Grund hatte. Man vergisst schnell all die tollen Momente, die schönen Momente die man erlebt haben und die die Zeit lebenswert gemacht haben.
    love
    ChristinaKlara

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