Ich und Ich // Einsamkeit

Einsam sein ist, wie nackt sein in einer Gemeinschaftsumkleidekabine. Du willst, dass es keiner sieht, du versuchst es zu verstecken, wickelst etwas um dich, dass es keiner bemerkt. Du versuchst abzulenken, unauffällig zu sein. Du sprichst es auf keinen Fall an, das ist tabu.

Du tust so, als wäre alles normal. Es ist dir unangenehm, peinlich. Du willst es vertuschen.

 

Einsam sein ist, wie in der Fußgängerzone über seine eigenen Schnürsenkel zu stolpern. Schnell weitergehen, hoffentlich hat es keiner gesehen. Das passiert immer nur dir, du bist so ein Idiot.

 

Einsam sein ist, an einem grauen Sonntag durch die Straßen gehen, sehen, wie in den gemütlichen Cafés und Restaurants Familien, Freunde, Kollegen und Lovebirds zusammenkommen, erzählen, lachen, zusammen sind, eine Einheit bilden. Alle sind mehrere, du bist allein. Deshalb kannst du da nicht rein, wie sieht das denn aus? Alle werden dich anstarren, werden es dir ansehen, werden wissen, dass du auf keinen wartest. Du malst dir aus, wie das Leben dieser Mehreren aussieht. Wie sie zuhause Kochabende veranstalten, auf gemeinsame Urlaube fahren, alles, immer alles zusammen machen. Wie sie kaum Zeit zum Verschnaufen haben. Mehrere Freundeskreise, Freunde aus aller Welt. Zu Besuch in München, London, Darmstadt. Immer auf einem Haufen.

 

Einsam sein ist, wie in der vollen Bahn niesen zu müssen. Und kein Taschentuch dabei zu haben.

 

Einsam sein ist, an einem heißen Samstagmittag alleine im Park zu liegen. Rechts die kleine Familie mit dem Baby, links die frisch Verliebten. Du sitzt in der Mitte, hast keine Picknickdecke, keine Snacks dabei. Warum auch, für wen denn. Sonnen kannst du dich auch alleine, vielleicht ein gutes Buch lesen, ein bisschen Musik hören. Aber wo ist die Lebendigkeit, wo ist das Erlebnis.? Das gibt es nur mindestens zu zweit. Deine Sonnenbrille schützt deine traurigen Augen, du denkst, es ist ein schöner Tag, ein wirklich schöner Tag, aber irgendwas fehlt doch, fehlt doch einfach.

 

Du denkst, du bist allein, allein mit dem alleine Sein. Du denkst, deine Einsamkeit ist exklusiv, nur du hast sie, nur du kennst sie. Du siehst um dich rum nur die Einheiten, das Geteilte, Gemeinsame.

Du denkst, dieser Zustand ist chronisch, du bist dir sicher. Was soll sich da ändern, einmal alleine immer alleine. Jetzt, nächste Woche, nächstes Jahr. Du bist dir sicher, das wird sich nicht ändern.

 

Einsam sein ist, alleine zu einem Pärchenabend zu gehen. Einsam sein ist, Freunde zu haben, aber keine Nähe. Einsam sein ist, nach der Party alleine ins Bett zu gehen. Einsam sein ist, nach der Party mit dem Falschen ins Bett zu gehen. Einsam sein ist, Sonntagmorgen alleine aufwachen. Einsam sein ist, keinem sagen zu können, dass man einsam ist.

quarterlife_blog_einsamkeit (2)

5 Kommentare

  1. Berührend und zutreffend geschrieben und … authentisch …

    Meinen Respekt, liebe Arunika, und einen aufrichtigen von Herzen kommenden Wunsch für Dich: Nur so viel Einsamkeit für Dich, wie Du selbst möchtest!

    Viele liebe Grüße!

    Gefällt mir

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