Yes, I can, want to and will! // Warum ich nicht ‚nein‘ sagen kann

Wir unterhalten uns seit 2 Stunden. Ich habe noch einen Berg an Aufgaben zu erledigen, möchte aber nicht unhöflich sein und sage deshalb nicht, dass ich eigentlich gleich los muss. Als sie selbst auf die Uhr schaut, wittere ich meine Chance, aus der Situation raus zu kommen, ohne selbst den Mund aufmachen zu müssen.

 

„Willst du noch zu XYZ mitkommen? Ich müsste da mal vorbeigehen“, sagt sie dann.

 

Nein, will ich nicht! Ich muss noch Wäsche waschen (bunt und hell!), den stinkenden Biomüll entsorgen, einkaufen, einen Text schreiben, staubsaugen und das Bad putzen (Meine elektrische Zahnbürste hinterlässt überall, wo ich sie hinstelle, weiße, antrocknende Zahnpasta-Rückstände, die sich rasend schnell vermehren).

„Ja, klar“, sage ich. Ich denke laut und deutlich „NEIN!“ und sage gequält lächelnd, nuschelnd „ja“.

 

quarterlife_blog_nein sagen (1)

 

Immer und immer und immer wieder, in den verschiedensten Situationen. Es reicht nicht, dass ich nicht von mir aus die Initiative ergreife, und die Situation so gestalte, wie es mir passt, nein, wenn ich direkt gefragt werde, wenn ich nur ‚Nein, danke‘ zu sagen brauche, verleugne ich zudem noch jeden gegenteiligen Gedanken und stimme zu.

Es interessiert sie vermutlich gar nicht, ob ich noch mitkomme, oder nicht. Vielleicht will sie es selbst auch nicht unbedingt und fragt ebenso aus Höflichkeit, ob ich sie begleite. Ich weiß es nicht, es ist eigentlich auch egal.

Ich ärgere mich jedes Mal, wenn ich mir selbst ein Bein stelle, nur um vermeintlich höflich und unaneckend zu sein. Ich will niemanden verletzen, möchte nicht, dass sich jemand vor den Kopf gestoßen fühlt oder verletzt wird. Das ist an sich ja nice und nobel, aber geht völlig am Sinn vorbei. Die andere Person möchte vermutlich nicht, dass ich sie a) anlüge und b) etwas mache, das ich überhaupt nicht will, das c) auch von keiner großen Bedeutung ist.

Außerdem muss ich in erster Linie für das einstehen, was ich selbst möchte. Macht ja sonst keiner.

Warum fällt mir das so schwer?

Ich möchte nicht zurückweisen, ich möchte kein schlechtes Gefühl vermitteln. Ich mache mir Gedanken darüber, wie die andere Person meine Antwort auffassen könnte und was das für mich bedeutet. Ich stelle mir einen unendlich zähen Moment vor, in dem mein ausgesprochenes ‚nein‘ in der Luft hängt, wir uns sekundenlang fassungslos anschauen, das ‚nein‘ immer größer und platzraubender wird, uns fast erstickt. Wie ihr jegliche Gesichtszüge entgleisen, sie aufs äußerste enttäuscht und entsetzt antwortet: „Was? Warum? Wirklich nicht? Das tut so schrecklich weh!“

Es ist eine Kombination aus Feigheit, Unsicherheit und sich zu viele Gedanken machen, schätze ich. Man muss es üben, so wie Vorträge halten oder in der Bahn telefonieren und dabei seinem Gesprächspartner lautstark von seinen Verdauungsproblemen erzählen, während alle Mitfahrenden zuhören. Irgendwann ist es nicht mehr so unangenehm, peinlich, tragisch. Irgendwann kommt man damit klar und merkt, dass die anderen tatsächlich auch damit klarkommen.

Bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass der Gegenüber per Gedankenübertragung spürt, was man eigentlich meint, aber nicht sagt und auch nicht zugibt.

Klappt super.

6 Kommentare

  1. Oh, ich kenne die Misere zu gut! Ich bin da leider genauso wie du – Hauptsache nicht anecken, hauptsache niemanden verletzen. Hoffen wir, dass sich das mit den Jahren etwas legt.
    Übrigens ein echt schöner Blog meine Liebe! ♥

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  2. Tja, warum machen wir das?
    Manchmal ist mein Verdacht, dass wir fürchten, man ‚möge‘ uns weniger, wenn wir ‚Nein‘ sagen.

    Das stimmt in den meisten Fällen …. nicht.

    Und so ‚verletzt‘ man eher sich selbst als den anderen? Das kann es doch nicht sein, oder? Andererseits, ich gebe es zu, übe ich schon länger als Du und meine Erfolge sind nicht größer.

    Ich kriege es leider nicht auf den Punkt.

    🙂

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