Tinderella to be // Tinder im Feldexperiment

No. 1

Es ist Januar 2016. Ich sitze in einem netten Café in Prenzlauer Berg und warte auf mein Date, nennen wir ihn Bernd. Ich hasse es, nicht zu wissen auf wen man wartet, denjenigen gar nicht erkennen zu können, weil ich nur ein, zwei Fotos gesehen habe. Es macht mich nervös und unsicher. Ich schaue also ständig abwechselnd zur Tür und auf mein Handy.

Schließlich kommt er zur Tür rein, schaut sich um, ich winke und er kommt auf mich zu. Hmmpf. Seine Bewegungen sind irgendwie…feminin. Als er anfängt zu sprechen, höre ich gleich, dass er lispelt. Okay.

Bernd scheint bester Laune zu sein oder tut jedenfalls so. Irgendwie wirkt er auf mich, als würde er versuchen, als Motivationstrainer Fuß zu fassen. Er redet überschwänglich, mit übertriebenem Elan und ausufernden Gesten. Alles ist mega krass, mega cool, mega toll. Nicht mein Ding. Er redet im Laufe der Zeit immer lauter, aufgeregter, mehr. Ich verstumme zunehmend.

Er fragt mich, ob ich mich auf mein bevorstehendes Praktikum freue. Ich sage „joa, weiß nicht, erst mal gucken wie’s so wird.“

 

„Du gehst da hin, und gibst 1000%, so dass sie gleich mega begeistert von dir sind!“, schlägt Bernd aufgeregt vor. Ich nicke.

 

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Nach ein paar weiteren Versuchen seinerseits, mich mit seinem Hyperelan anzustecken, merkt er wohl, dass da bei mir nicht viel zu machen ist. Wir finden uns beide doof. Nach gerade einmal einer Stunde gehen wir getrennte Wege, müssen beide angeblich noch etwas erledigen. Keiner meldet sich wieder beim anderen.

 

No. 2

Es ist Mai 2016. Ein warmer, sonniger Tag. Ich gehe zu Fuß zum Hackeschen Markt und warte dort auf meine Verabredung, nennen wir ihn Norbert.

Ich stehe am vereinbarten Treffpunkt, wie gehabt nervös hin und herschauend. Schließlich kommt jemand zielgerichtet auf mich zu, es ist Norbert. Norbert trägt einen Anzug und hat seine Haare zur Seite gegelt. Hmmpf. Seinem Gesicht nach zu urteilen, denkt er ähnliches, bzw. hätte er mich, statt in Hipstermode, wahrscheinlich lieber im Kostüm gesehen.

Wir gehen zu einem asiatischen Restaurant am Wasser, um Mittag zu essen. Ein richtiges Gespräch kommt schwer zu Stande. Er hat Harry Potter weder gelesen, noch gesehen und ist genervt von meinen „WAS?! Ernsthaft?!“-Ausrufen. Er geht gerne ins Felix oder Pearl im Anzug feiern, ich nicht.

Als er schließlich erzählt, dass er Berlin eigentlich gar nicht mag und nur wegen seinem Job hergezogen ist, ist es bei mir ganz vorbei.

Seine Mittagspause ist zum Glück zeitlich begrenzt. Nachdem wir bezahlt haben – er hat nicht mal in Erwägung gezogen, mich einzuladen – trennen sich unsere Wege nach nur 1,5 Stunden. Keiner meldet sich wieder beim anderen.

 

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No. 3

Ich weiß nicht mehr, welche Jahreszeit es ist, aber es ist kalt. Ich sitze in der Bahn auf dem Weg zum Ostkreuz und bin schon spät dran. Irgendwann fällt mir auf, dass irgendwas nicht stimmt. Die Richtung. Ich frage einen Mitfahrenden, ob wir noch am Ostkreuz vorbeikommen, er verneint.

20 Minuten später bin ich dann am Treffpunkt, mein Date, nennen wir ihn Karl, wartet schon eine ganze Weile, ist aber nicht sauer. Wir unterhalten uns ganz gut, er schlägt vor, Falafel essen zu gehen. Wir stehen beide auf Ironie und Sarkasmus und lachen immer mehr über unsere Sprüche. Beim Essen wird es so lustig, dass wir Bauchschmerzen bekommen.

Danach schlägt Karl vor, mit einem Getränk in der Hand an der Spree entlang zu gehen. Ich wäre bei dem Wetter lieber in eine Bar gegangen, sage aber nichts.

Wir reden über frühere Beziehungen, die Stimmung wird weniger heiter. Er steht eigentlich auf blond, sagt er. Ich auch, sage ich. Wir sind beide dunkelhaarig.

Das Gespräch plätschert weiter so vor sich hin, ich erfriere derweilen fast und wir steuern auf den nächsten S-Bahnhof zu. Unsere Wege trennen sich nach geschätzten 2 Stunden. Keiner meldet sich wieder beim anderen. Doch, nach ca. 3 Monaten schreibt er mir wieder und will mich treffen, weil er mich zufällig irgendwo gesehen hat (why?!). Ich gehe nicht darauf ein.

9 Kommentare

  1. Dieser Beitrag war sehr interessant und äußerst lesenswert. Ich habe bisher nur einmal Tinder benutzt und war ehrlich gesagt stark unterwältigt von der App an sich. 😄

    Ein sehr guter Freund von mir nutzt aktiv Datingportale wie Tinder oder Parship, ist bisher immer auf die Nase gefallen. Im kommenden Jahr will ich mit ihm aktiv in Bars & Pubs gehen. Vielleicht hat er so mehr Glück. 😅

    Gefällt 1 Person

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