Wenn dir alles zu viel ist // Hochsensibel?

Der Begriff der Hochsensibilität taucht immer öfter auf Lifestyle-Websites und Ähnlichem auf und scheint fast ein neuer „Trend“, wie der des Veganismus oder des Burn-outs, zu sein. Etwas, mit dem man sich abgrenzen und in den Mittelpunkt stellen kann, etwas, um sich zu labeln, etwas, das nicht ernst zu nehmen ist.

Das ist es nicht (Ich halte nichts von oben Erwähntem für einen Trend oder ein Hirngespinst). Das Thema ist durchaus real, jedoch wenig greifbar für Menschen, die es nicht betrifft.

 

„Aufgrund besonderer Eigenschaften ihres Nervensystems nehmen Hochsensible mehr
und intensiver wahr als andere Menschen.
Dies hat manche Vorteile, führt allerdings auch zu früherer Erschöpfung
und scheinbar geringerer Belastbarkeit (hochsensible.org).“

 

Ohne zu wissen, dass es tatsächlich eine Bezeichnung dafür gibt, war mir schon immer klar, dass ich irgendwie empfindlich bin, empfindlicher als manch anderer. Als Kind war ich nach einem Sleep-Over bei einer Kindergartenfreundin immer völlig überreizt, das Kämmen beim Friseur hat mir Tränen in die Augen getrieben, vom Impfen ganz zu schweigen.

Mich überreizt sehr vieles sehr schnell, ich brauche viele Pausen, viel Zeit für mich alleine. Ich benutze kein Parfum, weil ich davon Kopfschmerzen bekomme. Tabletten wirken sehr stark auf mich, Kaffee kann ich nur sehr mild trinken, weil ich sonst den ganzen Tag hypernervös davon bin. Musik hören und gleichzeitig reden geht für mich überhaupt nicht, allgemein kommt es selten vor, dass bei mir zuhause Musik läuft (zum Leidwesen meines Freundes, der nie Musik hören darf, wenn ich da bin (sorry)). Ich kann nicht zwei Tage hintereinander Freunde treffen, das laugt mich zu sehr aus. Von einem Festival muss ich mich gefühlt 3 Wochen erholen. Alles, was sehr laut, bunt, geruchsintensiv oder gefühlvoll ist, erschöpft mich ungemein.

Ein Kater dauert bei mir gut und gerne 5 Tage bis zur vollständigen Regeneration. Unter 8 Stunden Schlaf bin ich kein vollständiger Mensch. Interaktion mit (vielen) Leuten bereitet mir Kopfschmerzen. Shoppingmalls ebenfalls.

 

Die Welt scheint mich manchmal zu überwältigen, weshalb ich mich gerne zurückziehe und für mich alleine bin. Ich brauche nicht viele Reize, um mich lebendig zu fühlen, im Gegenteil.

 

Vor etwa zwei Jahren bin ich zufällig auf ein Buch über Hochsensibilität gestoßen und konnte mich damit identifizieren. Es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine damit ist. Es ist zwar keine Krankheit, aber wenn man immer und immer wieder zu hören bekommt, dass andere dies oder jenes überhaupt nicht anstrengend finden und nicht verstehen, was man für ein Problem hat, dass man sich nicht so anstellen, sich nicht so überempfindlich benehmen soll, führt dies einfach zu Frustration. Man zieht sich noch mehr zurück, weil man sich unverstanden fühlt, man fragt sich wieder und wieder, was eigentlich nicht mit einem stimmt. Man pusht sich, überschreitet konstant die eigenen Grenzen, um doch dazuzugehören. Das macht einen erstrecht völlig fertig.

Manchmal beruhigt ein Label einfach.

Es gibt außerdem nicht nur Nachteile. Zwischenmenschliche Schwingungen, Zeichen und Gefühle können sehr gut erkannt werden, sei es eine stille Abneigung einer Person einem selbst gegenüber, eine Lüge oder einfach das zwischen-den-Zeilen-Lesen. Man nimmt mehr und deutlicher wahr. Für kreative Tätigkeiten ist das sehr wertvoll.

Wem oben genannte Symptome bekannt vorkommen, kann auf diversen Internetseiten Infos einholen und Tests absolvieren, um herauszufinden, ob er/sie eventuell hochsensibel ist.

Es gibt keine Tabletten oder OP gegen diese Art der Reizverarbeitung, aber man kann lernen, besser auf sich zu achten, Grenzen zu wahren, auf sich selbst bedürfnisgerecht einzugehen. Ich habe Partys und Alkohol seit Jahren fast komplett den Rücken zugekehrt (me as a former partyanimal). Es stresst mich, es strengt mich an, und die nächsten Tage sind im Eimer. Darauf hab ich keine Lust mehr. Ich trinke außerdem meinen Kaffee erst nach dem Frühstück. Mit einer Überdosis Milch. Ein bisschen hibbelig macht er mich trotzdem.

8 Kommentare

  1. Ich finde mich in sehr, sehr vielem wieder, was Du hier geschrieben hast.

    Leider muss ich hinzufügen, dass ich nach meinen vielen Therapiestunden unter anderem zu der Erkenntnis gekommen bin, dass ich meine spezielle Sensibilität nie so ernst genommen habe, wie ich es hätte tun müssen. Das hat schließlich mit dazu geführt, dass ich krank geworden bin. Es war eine Ursache von mehreren.

    Nun, da so manches nicht mehr „reparabel“ ist, finde ich es nur noch bekümmerlicher, dass einerseits so leichtfertig über Hinweise auf besondere Sensibilität hinweggegangen wird und sich die Realwelt grundsätzlich herzlich wenig darum schert, dass es so etwas gibt. Und andererseits ärgere ich mich über jene Leute, die es leider auch gibt, die auf den „Hype“ der Hochsensibilität aufspringen bloß um sich interessant zu machen. – Das ist nicht redlich, weil es eine zusätzliche Erschwernis der Akzeptanz und des Verständnisses für tatsächlich Hochsensible bedeutet.

    Hast ein ebenso wichtiges wie vielschichtiges Thema hier heute angesprochen, liebe Arunika. – Dankeschön dafür.

    Und liebe Grüße, natürlich! 🙂

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  2. Schön dass ich die Ehre hatte dein Blog zu lesen. Ab jetzt werde ich versuchen es immer zu verfolgen. Du hast diese Thematik aus deiner Perspektive sehr schön beschrieben. Irgendwie habe ich mich auch selbst erkannt. Es war zwar nicht in jedem Punkt das gleiche, aber im Grundsatz sehr identisch. Der Drang sich manchmal von der Öffentlichkeit zurück zu ziehen ist unser Schicksal, weil wir uns mit unseren Gefühlen und Intelligenz meistens sowieso alleine zwischen den Menschen fühlen. Alone in the crowd ! Du schreibst sehr schön mein Freund, bin stolz auf dich, mach weiter so. Viele liebe grüsse aus der Türkei.
    Harun Resit Aydin ( @haruntravels )

    Gefällt 1 Person

  3. Ich wurde zum Glück schon mit 16auf das Phänomen Hochsensibilität aufmerksam gemacht, in einem Forum wo ich meine Probleme schilderte. Ich habe mich darin total wiedergefunden und konnte richtig aufatmen, dass ich doch normal und vorallem nicht allein bin.
    Habe über das Thema sogar meine Bachelorarbeit geschrieben und dementsprechend einige Bücher gelesen..es ist wirklich interessant sich damit auseinandersetzen 🙂

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