Mein 1. Jahr in Berlin // Januar 1

Am 1.1.2016 klingelt mein Wecker viel zu früh für den ersten Tag des Jahres. Aber ich wollte es genau so, einen Neustart zum neuen Jahr.

Ich schäle mich aus der Couch, versuche die anderen – wir haben zu 3. oder zu 4. auf besagter Couch geschlafen(?!)- nicht aufzuwecken. Ich bin mehr aufgeregt als müde.

Auf dem Weg zum Hauptbahnhof Dresden bemerke ich, dass ich mir das Busticket für den falschen Tag gekauft habe. Ich buche schnell noch um, meine Pläne bleiben erhalten. Dann sitze ich im Bus nach Berlin. Ich habe einen Koffer in Kuhfell-Optik dabei, mehr ging nicht. Ich freue mich auf die Hauptstadt, auf mein New York City in 2 Stunden Entfernung, auf dieses Versprechen, auf die Möglichkeiten. Kindliche Freude ist das.

Noch während der Fahrt schreibe ich ihm. Frage, was er macht, sage, dass ich nach Berlin komme. Weil ich sonst niemanden kenne in der Stadt. Weil ich meine Euphorie teilen will. Weil in einem leichten, seichten Moment kratzige Wahrheiten egal sind.

Am Alexanderplatz steige ich aus und um in die Tram, fahre zur Schlüsselübergabe. Ich werde für 2 Monate zur Untermiete in einer kleinen Wohnung einer Inderin in Prenzlauer Berg wohnen. Sie ist in dieser Zeit bei ihrer Familie in Indien und hat einen Freund beauftragt, mir den Schlüssel auszuhändigen. Falls mich jemand im Haus anspricht, soll ich sagen, ich bin ihre Cousine. Geht klar.

Von der kurzen Begegnung geht es weiter zu meiner neuen Übergangswohnung. Sie liegt an einer recht großen, viel befahrenen Straße, ich kann den Fernsehturm von hier aus sehen. Ich liebe den Fernsehturm. Bei klirrender Kälte gehe ich die Straße auf und ab, versuche mehrmals Türen zu öffnen und verliere ein bisschen die Nerven, bis der Schlüssel an der schäbigsten Tür schließlich passt und ich angekommen bin. Ich ziehe meinen Kuhkoffer durch den ersten Hinterhof und schließe mir dann die Tür zum Hinterhaus auf. Das Treppenhaus ist eng und ziemlich runtergekommen, alter, ausgeblichener, bunter Teppich bedeckt den Boden. Es gibt keinen Fahrstuhl. Ich weiß nicht, in welchem Stock meine Wohnung ist und schleife meinen Koffer von Stockwerk zu Stockwerk, schaue auf alle Klingelschilder. Meine Arme tun weh, mir geht die Puste aus. Schließlich finde ich in der 6. Etage den Namen, nach dem ich suche. An der Tür gegenüber klebt ein weißes Papier, auf dem „Einbruch lohnt sich nicht, HARTZ 4“ steht. Ich schmunzle. Welcome to Berlin.

Meine neue Bleibe ist nicht übel, die Einrichtung ist zwar etwas seltsam, aber es gibt alles, was man so braucht. Ich fange gleich an, Kuscheltiere und Ähnliches wegzuräumen, stelle ein paar Möbel um. Doch, eine Sache ist ziemlich übel: Es ist hier drinnen genau so kalt wie draußen. Ich versuche, Herr über den Temperaturregler zu werden. Es gibt keinen Wasserkocher. Die Waschmaschine ist kaputt.

 

Schließlich klingelt er an der Tür. Ich lasse ihn rein, zeige ihm meine Unterkunft. Er macht sich über das Treppenhaus lustig, beschwert sich über die vielen Stufen bis zu mir nach oben. Wir treffen eine Freundin von ihm, gehen vegane Burger essen und in eine Bar einen Cocktail trinken. Sie weiß es nicht. Immer wenn sie nicht hinschaut nimmt er meine Hand.

Er fährt mich wieder nach Hause, kommt mit nach oben. Wir schieben mein Bett an die Heizung, es ist noch immer eisig kalt in der Wohnung. Steif sitze ich neben ihm, erzähle irgendwas. Er umarmt mich, zu oft, zu lange, hält mich fest, will mich nicht loslassen. Ich versuche mich zu entwinden, sage, er soll gehen, meine es aber nicht so. Unser Spiel ist so unecht, so unehrlich, dass wir nicht mal verbergen müssen, dass wir nur versuchen, uns gegenseitig zu unserem Vorteil zu benutzen. Es ist leicht, es ist bequem und es ist armselig. Dann geht er. Zu seiner Freundin, die zuhause auf ihn wartet.

Am nächsten Tag wache ich auf, irgendwann, schaue auf den Hinterhof, sitze an dem kleinen Holztisch, kann nicht glauben, dass ich endlich hier bin, endlich da bin, wo ich immer sein wollte. Es fühlt sich richtig an, es fühlt sich nach ankommen an. Diese Euphorie des Anfangs, die Spannung, das Abenteuer, all das Unentdeckte. Ich hab‘ so lang darauf gewartet. Jetzt bin ich hier. Das hier ist nicht nur irgendeine neue Stadt, das ist die Karte, auf die ich alles gesetzt habe, das ist mein Tagtraum, den ich wieder und wieder abgespult, an den ich mein Glück gepinnt habe. Ich war mir immer sicher, hier wird alles besser, hier werde ich besser, hier kann ich aufhören zu suchen. Naiv vielleicht, aber intuitiv.

 

Am Sonntag ziehe ich los, um mir ein bisschen die Gegend anzuschauen. Die Minusgrade stechen wie kleine Eispfeile auf mich ein. Unter meiner Lederleggins scheinen meine Beine zu brennen, Gefrierbrand, blaue Flammen. Ich weiß nicht richtig, wo ich hinsoll, merke bald, dass es viel zu kalt ist, dass das keinen Sinn macht. Ich schreibe ihm, frage, was er macht. Es kommt keine Antwort, nicht gleich, nicht bald, erst viel später, zu spät.

Ich sitze bei Burgerking, wärme mich auf, versuche den Rückweg hinauszuzögern. Mir fällt zum ersten Mal wirklich auf, dass ich ganz alleine in dieser Stadt bin. Er zählt nicht.

 

2 Kommentare

  1. Respekt!

    Mag sein, dass es im Desaster endet, mag sein, dass es ein Reinfall wird, aber für mich hast du erstmal alles richtig gemacht. Überhaupt in Berlin zu sein, das ist der absolute Hammer.

    Wie oft denke ich mir: Alles zurücklassen, auf alles verzichten und nach Berlin reisen. Einfach in Berlin sein. Einfach dort sein. Gegen alle Widerstände.

    Die Dinge regeln sich, Freunde finden sich ein mit der Zeit, eine bessere Beahausung als die erste Notunterkunft bringt die Zeit. Du bist jung, du bist schön, du bist intelligent und begabt. Du wirst in Berlin aufblühen.

    Berlin: Das ist mein Traum.

    Ich wünsch dir nur das Beste, PP ❤

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    1. Vielen dank! Es war wirklich nicht einfach die erste Zeit, und jetzt nach 2 jahren kann ich sagen, dass es locker 1 Jahr gedauert hat, bis ich voll und ganz angekommen war, aber es hat sich total gelohnt! Ich freu mich auf mein 3. Jahr hier. Dir auch alles gute! Liebe Grüße:)

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