Mein 1. Jahr in Berlin // Januar und Februar 2016

Mein Praktikum beginnt, ich bin etwas nervös am ersten Tag. Das legt sich aber schnell. Alles und alle sind sehr entspannt. Meine Aufgaben gefallen mir gut, ich finde gefallen daran, Teil eines Teams zu sein. Und kommen zu können, wann ich will, und mit Stricksocken und Tee am Schreibtisch zu sitzen. Naturschutzorganisation eben. Der Winter hat mich fest im Griff, ich quäle mich bei -13 Grad aus dem Bett, mir fallen beim Arbeiten die Augen zu.

Ich treibe mich unter der Woche öfters mal auf Tinder herum, um nicht jeden Abend alleine zu sein. Die Dates sind meistens ganz okay, mehr aber auch nicht. Ich lasse mir mehr oder weniger spontan ein Tattoo stechen. Was man eben so macht in Berlin.

Das zweite Wochenende des Jahres ist er wieder in der Stadt. Ich freue mich darüber, wir sind uns mittlerweile einfach vertraut. Es ist unbeschwert und unkompliziert, zumindest für den Moment.

Wir verabreden uns, mit Freunden von ihm am Potsdamer Platz essen zu gehen. Sie fragt, wie es seiner Freundin so geht und ob wir uns von der Arbeit kennen. Wir schweigen betreten und starren auf unser Essen, bis er schließlich verneint. Ich frage mich, warum es ihm eigentlich nicht zu heikel ist, mich allen seinen Freunden vorzustellen.

Nachdem ich beschlossen habe, dauerhaft in Berlin zu bleiben und hier meine Bachelorarbeit zu schreiben (bis auf ein weiteres Praktikum im März in einer anderen Stadt), mache ich mich daran, die Weiten des Internets nach verfügbaren WG-Zimmern ab April zu durchforsten. Jeden Tag schreibe ich dutzende Bewerbungen, versuche cool, hipp, lieb, nett, bodenständig, oder was auch immer sonst verlangt wird, zu klingen. Die meisten Anfragen werden nie beantwortet. Ich stoße auf WGs mit geteilten Zimmer, WGs, die 500€ und mehr für ein 10m² Zimmer verlangen. WGs weit außerhalb des Rings, Durchgangszimmer, Wochenendzimmer, spirituelle WGs, in denen tägliches Meditieren in der Runde obligatorisch ist etc. Es ist verrückt.

Bei einer Besichtigung einer extrem kleinen Wohnung in Prenzlauer Berg sind außer mir noch ca. 200 andere Leute eingeladen. Das Zimmer wäre zwar günstig, ich habe trotzdem keine Lust darauf und quetsche mich wieder hinaus. Ich habe eine Besichtigung in Lichtenberg, bei der ich ein wirklich gutes Gefühl habe, mir die Bewohnerin aber doch absagt.

Ich hoffe zwischenzeitlich auf ein wirklich schönes, großes Zimmer mit Hochbett (ich LIEBE Hochbetten) in Schöneberg und verbringe zweimal mehrere Stunden dort, weil sich die Mitbewohner einfach nicht für jemanden entscheiden können. Schließlich sage ich ab, weil es mir zu blöd wird.

Ich treffe 2 Mädels in Neukölln, die aber eigentlich lieber einen männlichen Mitbewohner hätten. Ich besuche eine reine Männer/Nerd-WG in der Nähe der TU Berlin, in welcher Fahrräder an der Wand hängen, die mir so gar nicht zusagt. Zimmersuche in Berlin ist wirklich so, wie jeder immer behauptet, das wird mir schnell klar. Es ist mühsam, es ist ertragsarm. Ich finde sogar ein Inserat, bei dem nach einem vollständigen Lebenslauf gefragt wird.

Nach dem eigentlich schönen Wochenende blockiere ich ihn auf meinem Handy, weil ich die Situation nicht ertrage. Ich kann die Augen nicht verschließen, so tun, als wäre das alles okay. So bin ich nicht, das bin ich nicht. Konsequent bin ich jedoch leider auch nicht sonderlich.

Schließlich besichtige ich eine 3er WG in Mitte. Das Haus ist heruntergekommen, aber zentraler und günstiger geht es kaum. Ich mag die Bewohner, ich habe Hoffnung.

Tatsächlich bekomme ich ein paar Tage später eine Zusage, yesss! Meine Suche ist somit beendet.

Er ist an einem Wochenende im Februar wieder in Berlin und nicht mehr blockiert. Die Freundin, vom 1.1. lädt uns am Freitagabend zum Essen bei sich zuhause ein, sie weiß mittlerweile, dass wir nicht nur Freunde sind.

Danach gehen wir zu zweit noch in einen Mainstream-Touristen Club. Es ist ganz nett, bis er anfängt, sich intensiv mit einer anderen zu unterhalten und mich nicht einmal mehr ansieht. Nachdem ich mehrmals demonstrativ weggegangen und wiedergekommen bin, verliere ich irgendwann die Nerven, renne wutentbrannt aus dem Club und gehe einfach nach Hause. Auf seine vielen Nachrichten, wo ich denn sei, was los wäre, dass es ihm leidtut und er auf dem Weg zu mir ist, antworte ich nur noch „F**K DICH“. Schließlich schlafe ich ein.

2 Kommentare

  1. Wenn ich in festen Händen bin, such ich mir keine zusätzliche Freundin und wenn doch, dann lass ich sie nicht links liegen, um ner anderen schöne Augen zu machen. Ich schrieb kürzlich, dass einige meiner Freunde bei Tinder sind, obwohl sie fest liiert sind und dort daten. Seien wir ehrlich: Es geht doch nur um unkomplizierten Sex nebenbei ohne Verpflichtugen. Der eine Kumpel von mir hat 50 Adressen inzwischen auf seinem Smartphon und darauf ist er verdammt stolz. Und keine der Damen weiß von der anderen. Wunderwelt Internet eben. Ein kluger Mann sagte mal zu seiner Tochter: „Nimm dich in Acht vor dem Internet: Das ist ein riesiger Puff!“. Früher zahlten die Männer im Bordell. Heute haben sie ne Flat .. 😉 LG PP

    PS: Mag sein ich übertreibe: Wenn alle es wollen, dann muss es wohl richtig sein. Ich bleib trotzdem bei meinen romantisch-verliebten und auf Treue bauenden Zweierkisten. Wer nur einen Menschen liebt und von nur einem Menschen geliebt wird, der hat gar keine Zeit für andere „Bindungen“ ..

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  2. Ich habe 278 Euro Warmmiete gezahlt, als ich nach Neukölln kam. Das war 2006. Inzwischen ist es fast unmöglich, überhaupt etwas zu finden. Und kriminelle Spekulanten grasen die Stadt ab, kaufen Häuser und ekeln die Mieter raus. Ist mir so passiert.

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