24 sein // Quarterlife Crisis

Zwischen Komasaufen und Kinder kriegen. Offensichtlich zu alt für das eine, noch zu jung für das andere. Oder?

 

Ich stehe das zweite Jahr in Folge als Hostess auf einer noblen Veranstaltung, umringt von Abiturientinnen, die die Zeit mit schlecht bezahlten Jobs wie diesem totschlagen wollen und verfluche mich dafür, eben diesen Job angenommen zu haben. Als wir schließlich zu dritt dafür eingeteilt werden, am Eingang zu stehen und lächelnd in der Kälte die Gäste zu begrüßen, verfluche ich mich erst recht.

„Bist du auch 19?“, werde ich gefragt.

Ich lächle gequält und nehme mir vor, mich bei sämtlichen Hostessenagenturen aus der Kartei nehmen zu lassen.

 

Es ist Montagmorgen kurz vor 7. Mit all den anderen, die ultraschnell bei ihrer Arbeitsstelle sein müssen, quille ich aus der S-Bahn und hechte die Treppe hoch. Auf dem kurzen Weg begegnen mir 3 volltrunkene Gestalten, die wohl gerade aus dem Club kommen. Ich bin froh, dass ich das nicht bin.

 

„Gehst du eigentlich auch feiern?“, werden ich von Kollegen gefragt.

„Nee, dafür bin ich zu alt“, entgegne ich lachend. Ich bin die jüngste in der Runde.

 

Instagram scheint mir seit kurzem fast ausschließlich Bilder von Hochschwangeren oder frisch gebackenen Jungmüttern zu zeigen. Oder bekommen auf einmal alle Twentysomethings Babys? Ist das ein neuer Trend, gehen wir jetzt, statt so spät wie möglich, wieder dazu über, Anfang/Mitte Zwanzig Mutter zu werden?

Würde ich das auch wollen? Jetzt? Manchmal frage ich mich das und horche in mich hinein. Es regt sich nichts, weder positive, noch negative Gefühle kommen auf.

 

24 ist ein seltsames Alter, ein „zu alt für dies/ zu jung für das“-Alter, wobei die jeweiligen „zu-Dinge“ teilweise nur 1-2 Jahre entfernt liegen. Nicht der Definition wegen, nicht grundsätzlich, aufgrund dieser Zahl. Sondern vom Gefühl her. Wahrscheinlich geht es anderen mit 23, 26 oder 22 genauso. Alles kann sich so schnell ändern, Lebenseinstellungen, Phasen, Werte, Hobbies, Freunde, Lebenspartner, Wohnort, Kleidungsstil.

Nichts ist schon so richtig fest und festgefahren. Das ist gut, manchmal. Das ist aber auch anstrengend. So Vieles scheint noch möglich zu sein, ist es aber irgendwie doch nicht, bedarf dann doch zu viel Engagement, zu viel Willenskraft, die man vielleicht doch nicht hat, nicht mehr hat. Das 12-Bett-Hostelzimmer ist mittlerweile eine Zumutung, in einem richtigen Hotel absteigen geht aber irgendwie auch noch nicht. Ich kann nicht mehr zurück, aber auch noch keinen Sprung noch vorne machen. Im zwischendrin-feststecken-Moor versunken. Mit Freunden, die wilde Partys feiern und solchen, die ihre Hochzeitsdeko aussuchen gehen. Mit den einen über Drogen, mit den anderen über Babykleidung sprechen. Ich runzle die Stirn, auf beiden Seiten, weiß nicht recht, wie ich dazu stehen soll. Wieso scheinen sich manche so gut zu fügen? Typ Karriere, Typ Partylöwe, Typ Familienplanung. Oder bilde ich mir das nur ein?

Kein Konzept, keinen stimmigen Plan. Heute ist das die Priorität, morgen ist es jenes. Schwankend in der Meinung. Heute sicher, ein neues Leben an einem neuen Ort zu beginnen, morgen überlegen, nicht doch nochmal eine Ausbildung abzuschließen. Unfrei in seiner eigenen Freiheit.

Hilfe, ich bin 24.

10 Kommentare

  1. Ein kleiner Trost für dich. Ich bin siebenundvierzig habe meinen Weg beschritten mit Familie, Karriere und habe immer noch das gleiche beschissene Gefühl wie mit vierundzwanzig: irgendwie zwischen den Zeiten zu hängen. Das ist das existenzialistische Lebensgefühl des geworfenen Entwurfes. Die Entwürfe des eigenen Lebens ( der auch von der normativen Kraft der Umgebung beeinflusst wird) laufen vor und man rennt hinterher. Es ist wie Sport: es hält frisch und jung, man muss sich trotzdem quälen.

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  2. Auch mit 18 ist dieses Gefühl durchaus schon vorhanden, Studenten sind irgendwie zu cool und in einer ganz anderen Blase, die, die noch zur Schule gehen mit ganz anderen Sorgen und Dingen beschäftigt als ich in meinem Gap Year. Beruhigend zu hören, dass das wohl nicht ungewöhnlich ist und im Leben immer wiederkommt 🙂

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