Mich zieht es nicht zurück // Über Heimatverbundenheit

Ich sitze mit 3 fremden Menschen im Auto gen Süden. Süddeutschland. Gemeinsam haben wir, dass wir alle in den Weihnachtsurlaub nach Hause fahren. Dorthin, wo wir geboren und/oder aufgewachsen sind, dorthin, wo unsere Heimat ist.

 

„Uns zieht es schon langfristig wieder zurück“, sagt eine Stimme auf der Rückbank. Es wird sich über das schwäbisch-Sein in Berlin ausgetauscht, über die Unterschiede, über die Berliner. Ich schweige, schaue aus dem Fenster, sehe die Landschaft vorbeirauschen.

Ich kann mich mit dem Gesagten nicht sonderlich identifizieren. Mit dem Gefühl, wieder dorthin gehen zu wollen, wo man herkommt, sich stark verbunden fühlen.

 

Während meiner Jugend wurde der Drang, der Kleinstadt zu entfliehen, endlich einen neuen Alltag zu bestreiten, ein neues Leben anzufangen, immer größer. Ich war der Enge, dem immer gleichen, so überdrüssig. Keine Möglichkeiten, kein frischer Input. Die gleichen Leute in der gleichen Disko auf dem Dorf. Jedes Wochenende. Ein, zwei Supermärkte, zwei, drei Bekleidungsgeschäfte. Nicht viel zu sehen, nicht viel zu tun.

Auch 5 Jahre später beschleicht mich ab und an das Gefühl der Enge, der Möglichlosigkeit, wenn ich durch das mittelalterliche Städtchen am Neckar spaziere. Wie wäre mein Leben, wenn ich hiergeblieben wäre? Was würde ich in meiner Freizeit machen, mit wem würde ich sie verbringen, könnte ich hier glücklich sein?

Ich denke nicht. Ich habe nichts gegen die Stadt an sich. Ein paar Mal im Jahr bin ich gerne hier. Aber Heimat, das ist für mich vor allem der Mensch, der mich großgezogen hat. Meine Familie, meine alten Freunde. Die mir bekannten Räume, alte Geschichten, über die wir lachen. Zu jedem zweiten Straßenzug eine Geschichte im Kopf haben. In Erinnerungen schwelgen.

Etwas, das in der Form, wie es mal war, vorbei ist. Etwas, worüber ich froh bin, dass es vorbei ist. Weil das Jetzt so viel besser ist, mir so viel mehr gibt, so viel besser zu mir passt. Heimat ist Erinnerung, Vergangenheit für mich. Erinnerung, die mit und in den Menschen weiterlebt, mit denen ich sie erlebt habe. Es gibt kein Zurück, kein Anknüpfen, Umgestalten. Es muss so bleiben wie es war.

 

Zuhause ist für mich jetzt Berlin. Wo ich mit meinen zwei Lieblingsmännern (einer davon animalisch) zusammenlebe, wo ich neue Freunde, neue Aufgaben und Herausforderungen, ein neues Leben habe. Ich weiß nicht, ob das für immer so bleibt, ob es mich wieder weiterzieht, ob ich ewig getrieben sein werde. Aber jetzt fühle ich mich in Berlin angekommen, ich fühle eine Ruhe, eine Zufriedenheit, die ich sonst noch nirgends gefühlt habe. Weil ich hier hinpasse, besser als sonst irgendwo. Weil ich hier nicht das Gefühl habe, lieber wo anders sein zu wollen, etwas Besseres zu verpassen.

 

Mich zieht es nicht zurück.

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