Ich mache…nichts // Über Hoch- und Tiefstapler

„Ich bin Model, Medizinstudentin und habe ein erfolgreiches Start-Up.“

Sie sagt nicht dazu, dass ihre Modelkarriere daraus besteht, für Hobbyfotografen auf Instagram zu Übungszwecken zu posieren, dass sie ihr Studium nach 2 erfolglosen Semester höchstwahrscheinlich abbrechen wird und ihr erfolgreiches Start-Up eigentlich ihrem Bruder gehört und sie da lediglich ab und an mitarbeitet. Hihi.
Ich finde es grauenhaft, wenn Leute sich in privaten Gesprächen in den höchsten Tönen labeln, ihre unglaublich ambitionierten Pläne darlegen und mit Bezeichnungen nur so um sich werfen…und eigentlich nichts dahintersteckt. Wenn besagte Pläne eigentlich letzte Nacht entstanden sind, als man auf Facebook jemanden gestalkt hat, der in New York studiert, man das auf die Schnelle als großes Ziel übernommen hat und sogleich einen Abend später auf einer Party preisgibt. Vor jedem. Mit voller Überzeugung. Nur um besagte, ganz ernst gemeinte Ziele, einen Monat später wieder auszutauschen. Und dann den gleichen Leuten wieder erzählt, was für ehrgeizige Pläne man jetzt schmiedet, was man alles beginnen und umsetzen wird, in welche Richtung man weitergeht.

Ich würde sagen, ich bin das genaue Gegenteil davon. Ich denke nicht, dass das besser ist, ganz und gar nicht, vielleicht ist es sogar noch schlimmer.

Wenn mich jemand fragt, was ich (beruflich) mache, sage ich entweder „gerade nichts so richtig“, „studieren“, oder „mich orientieren“, oder Ähnliches. Genau genommen stimmt das alles nicht. Ich mache nicht nichts, studieren tue ich definitiv auch nicht und orientiert habe ich mich bereits.
Mir fällt es jedoch schwer, genau zu sagen, was ich denn mache. Was ist mit der Frage „Was machst du so?“ überhaupt gemeint? Womit ich mein Geld verdiene? Was meine Pläne sind? Worauf ich hinarbeite? Was meine Leidenschaften sind, die (noch) kein Geld einbringen?

Nichts gruselt mich mehr, als mit leeren Begriffshülsen Erwartungen zu schaffen, denen ich auf Nachfrage nicht gerecht werde.

Ich will um jeden Preis vermeiden, dass mich jemand cool/interessant/sonst was findet, nur um 2 Minuten später enttäuscht zu werden, weil ich eigentlich doch nicht so cool/interessant/… bin. Diesen Bruch in den Augen des Gegenübers, wenn er realisiert, dass ich doch nur 0815 bin und sich eben alles viel voluminöser angehört hat, als es eigentlich ist. Das etwas resignierte, aber durchaus auch erleichterte Nicken. Ach soooo, so toll bist du also doch nicht. Gut, ich dachte schon.
Das ertrage ich absolut nicht. Dann klinge ich lieber gleich langweilig und planlos, dann kann ich wenigstens nicht enttäuschen. Naja.

Ich möchte kein Hochstapler sein, aber tiefstapeln ist eigentlich auch suboptimal, oder?

 

Bei anderen greife ich gerne mal ein, wenn sie sich in einem Gespräch unter Wert verkaufen wollen, wenn sie etwas Entscheidendes nicht erzählen, weil sie vielleicht zu unsicher sind. Dann werfe ich gerne „Du hast ja aber auch noch xyz gemacht“ ein und grade die Sache ein bisschen up.
Nur bei mir selbst funktioniert das nicht wirklich. Wenn ich denn mal ins Detail gehe und erzähle was ich gemacht habe, mache, machen werde, füge ich immer sofort 154 Einwände, Einschränkungen und wieder-kleiner-Macher ein, um nur nicht zu hoch zu greifen. Lieber wieder ein paar Selbstüberzeugungs-Barren vom Stapel runter schmeißen. Nicht, dass dieser ins Wackeln kommt und mich darunter begräbt.

6 Kommentare

  1. Ein richtig guter Beitrag! Ich bin voll und ganz deiner Meinung 🙂 Allerdings ist es wirklich so, dass es in beide Richtungen nicht abdriften sollte. Es hilft einem selbst nicht, wenn sich als etwas darstellt, was man nicht ist. Aber unter Wert sollte man sich auch nicht verkaufen, denn dan tritt man nur noch auf der Stelle.
    Liebe Grüße
    Nicole

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  2. Schlimm ist aber auch, wenn man von anderen falsch eingeschätzt wird, also als vermeintlicher Tief- oder Hochstapler. Wenn ich erzähle, was ich momentan mache, dann werden meine Worte (für mein Gefühl) oft als hochstaplerische Phrasen eingestuft, die eigentlich falsch oder dumm sind, einfach aus dem Grund, dass sich niemand, der sich nicht in der gleichen Situation befindet, in meine Lage und Aufgaben und Tätigkeiten hineinversetzen kann. Das nervt hochgradig!!! Vielleicht interessiert dich ja, was ich zu diesem Thema geschrieben habe 🙂 https://marillenbaererzaehlt.wordpress.com/2017/12/14/ja-verdammt-nochmal-ich-mache-gerade-nichts/

    Gefällt 1 Person

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