Ich mache…nichts Part 2 // Erwartungen und Selbstwahrnehmung

„Wieso machst du nicht ein Praktikum oder suchst dir einfach erstmal irgendeinen Job, ist doch besser als nichts zu tun“.

„Musst du nicht mal langsam Geld verdienen?“

„Aber du hast doch neben deinen Projekten eigentlich noch genug Zeit arbeiten zu gehen.“

„Ich könnte das nicht, so viel rumhängen. Ich fühle mich schlecht, wenn ich nicht arbeiten gehe.“

 

Ratschläge, empörte Ausrufe, Bedenken und Ähnliches bekommt man zu Hauf präsentiert, wenn man sich als „nichts-tuend“ outet (wobei nichts tun nicht wirklich nichts tun bedeutet). Es scheint die Mehrheit unglaublich zu provozieren, wenn man zeitweise in keinem festen Angestelltenverhältnis ist oder sonst irgendetwas objektiv Produktives tut. Eben richtig Arbeitet, wie es auf dem Papier steht. Nicht nur scheint man als faul und arbeitsunwillig angesehen zu werden, der Wert an sich, den man als Mensch hat, scheint unweigerlich zu sinken. Gen obdachloser Alkoholiker.

Das ist traurig. Warum häuft sich die kollektive Missgunst, das Unverständnis und die Überheblichkeit gegenüber jemandem, der sich 2,3,6,9 Monate Zeit nimmt nach der Schule, nach oder im Studium, der ein bisschen in der Luft hängt, der ausprobiert, abbricht, nicht so richtig weiß, denkt, er weiß und es dann doch nicht tut? Der Kurse belegt, ein bisschen jobt, sich orientiert, sich umorientiert, zweifelt, verzweifelt, von vorne anfängt?

 

Mach doch bitte einfach IRGENDWAS

 

Es ist nicht okay, nicht zum wirtschaftlichen Glück der Nation beizutragen. Der Job bietet jedoch nicht nur finanzielle Sicherheit, er schützt auch vor Orientierungsverlust, er scheint die Persönlichkeit, den eigenen Wert, wie ein straff gebundenes Paket zusammenzuhalten. Und das brauchen wir. Ein Gütesiegel. Prädikat wertvoll, weil beschäftigt.

Und so ist man immer wieder Abneigung und Verwunderung ausgesetzt, wenn man sich nicht schnellstmöglich in die Sicherheit des Hamsterrads flüchtet. Gefühle zählen nicht übermäßig. Klar, du sollst dir bitte etwas suchen, das dir halbwegs Spaß macht, das du halbwegs erträgst, aber übertreib es damit nicht, werde nicht gleich zum gänseblümchenpflückenden Hippe. Es gibt jawohl genug verschiedene Berufe, schlägste ein paar nach, da wird schon was dabei sein, das halbwegs passt. Und das muss dann auch reichen. Grab lieber nicht zu tief, sonst wirst du am Ende noch Youtuber oder Yogalehrerin auf Bali. Das muss ja nun wirklich nicht sein…

Warum kann ich nicht einfach mal nichts machen? Und vielleicht sogar wirklich nichts nichts. Nichts, außer nachdenken, was ich eigentlich will, was ich kann, was ich möchte. Ist ein halbes oder ganzes Jahr meines langen Arbeitslebens wirklich so verschwendet, wenn ich es in meiner jungen Naivität einfach vorbeistreichen lasse, einfach lebe und bin und nachdenke? Ist das denn wirklich so schlimm?

 

Ich arbeite also bin ich

 

Lange genug kritischen Nachfragen ausgesetzt, fängt man auch selbst an, an sich zu zweifeln. Die innere Unruhe steigt an, das Videos über Selbstfindung Gucken und einen weiteren Monat Studienkredit einheimsen fühlt sich aufeinmal wirklich falsch an. Arbeiten, irgendetwas machen, vielleicht einfach nur, um sagen zu können, dass man jetzt etwas macht. Der 450€-Job reicht da nicht, ich habe doch noch so viel Zeit dazwischen, mit was könnte ich die denn noch füllen?!

Man beginnt sich selbst nach und nach wertloser zu fühlen, man hat das Gefühl, die Zeit läuft ab, gibt es eventuell wirklich kein Zurück mehr, wenn man sich nicht jetzt auf der Stelle für einen Karriereweg entscheidet? Immer wieder wird man doch dazu verleitet, sich auf Jobs zu bewerben, die man für sich erst vor kurzem ad Acta gelegt hat, weil sie nicht zu einem passen. Wenigstens versuchen, wenigstens sagen können, dass man sich beworben hat. Vielleicht auch noch 1, 2 traurige Bewerbungsgespräche absolvieren, nur um danach festzustellen, dass dieser Beruf WIRKLICH nicht zu einem passt und die Vorstellung einen gruselt, an jenem Ort 40 Stunden die Woche zu verbringen.

Zeit nehmen ist leider keine anerkannte Tätigkeit. Rumjobben, reisen, seinen Hund großziehen, grübeln, ein kleines Projekt starten, ausprobieren und scheitern ebenfalls nicht.

Es braucht wirkliche Willenskraft, den immer wieder gleichen, mahnenden Fragen nach „Ja, aber was machst du denn jetzt eigentlich?“ zum Trotz bei sich zu bleiben, sich Zeit zu lassen, den richtigen Weg für sich zu finden.

 

Möge die Macht mit dir sein.

14 Kommentare

  1. Ja leider, das ist nicht leicht…und auch wenn dann ein Job vorhanden ist, wird ganz genau hingeschaut, ob er auch genügend Geld rein bringt und ob die Arbeit gesellschaftlich anerkannt wird. Und die Leute gehen leider immer von sich selbst aus. Wenn man/frau andere Ziele im Leben hat, wird es kompliziert. Weil sie nur ihr Lebenskonzept kennen und ein anderes nicht verstehen. Und oft auch einfach glauben, dass es nur von der Motivation abhängt. Nur leider ist es nicht so einfach.
    Wünsche Dir alles Gute!

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  2. Geniesse jede Minute deines Nichtstuns! Einen Job finden der Spass macht …..ich habe die Hoffnung aufgegeben. Es geht doch nicht mehr um den Menschen sondern nur noch um zahlen. Geht’s einem nicht dann soll man sich mit Pharma zu dröhnen damit man weiter arbeiten kann. Es ist so eine traurige Gesellschaft. Total abgestumpft und blind ….
    Versuch dich nicht unterkriegen zu lassen und mach was für dich richtig ist🌼

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