Warum ich fast mein Studium im letzten Semester abgebrochen hätte // Student erkennt

Ich habe mich schon immer irgendwie für Politik interessiert. Nein, eigentlich nicht. Ich habe es als Kind und werdender Teenager gehasst, wenn meine Eltern im Fernsehen Nachrichten angeschaut haben und sie immer wieder gefragt, warum sie denn so etwas Langweiliges konsumieren.

Mit dem Fach Gemeinschaftskunde und einer coolen Lehrerin hat sich das geändert. Ich hatte immer eine 1 in den Klausuren und fand die Inhalte spannend. Geschrieben habe ich auch schon immer ganz gut und gerne, also stand für mich nach sämtlichen welcher-Job-passt-zu-mir-Tests fest, dass ich Journalisten werden wollte. Oder sowas in der Art. Auf jeden Fall erstmal ein Politikwissenschaftsstudium.

Ich war euphorisch und voller Tatendrang, denn für mich war schon immer klar, dass ich mal studieren würde und dass das dermaßen cool werden wird. War es anfangs auch. Sowohl die 1034353 Studentenpartys, die erste eigene Wohnung im 15. Stock eines ranzigen Plattenbaus in Dresden, als auch mein Studium an sich. Klar konnte ich nicht viel mit Statistik und Methoden der empirischen Sozialforschung anfangen, aber das konnte auch sonst keiner und andere Seminare und Vorlesungen waren dafür interessanter.

Meine Noten waren das ganze Studium hindurch ziemlich durchmischt. Mal gut, mal weniger gut, manches ging mir leichter von der Hand als anderes. Durchgefallen bin ich bei keiner einzigen Klausur, also wird das ganze schon das Richtige sein, oder nicht?

 

Nein. Ein bisschen fehl am Platz habe ich mich von Anfang an gefühlt. Dass es schlauer gewesen wäre, nach dem Abi erstmal irgendetwas anderes zu machen, als direkt in die Uni zu hüpfen, war mir recht schnell bewusst. Viele Kommilitonen waren zum Start des Studiums älter als ich, was ihnen nicht gerade zu schaden schien, im Gegenteil.

Aber auch das typische Politikwissenschaftler-Gen mit Liebe zu hitzigen, endlosen Diskussionen, die Leidenschaft zur politischen Theorie und der Spaß an Präsentationen fehlte mir gänzlich. So richtig einordnen konnte ich das ganze allerdings nicht. Für mich gab es zu dem Zeitpunkt nichts Anderes, das mich mehr interessierte, zumindest dachte ich das.

Ab dem 3. Semester wurde es langsam ungemütlicher. Die meisten Fächer sagten mir nicht mehr zu, ich habe mich extrem durch die Prüfungsphasen gequält und bin mehrmals an einer handfesten Depression vorbeigeschlittert. Das Ganze wurde von Semester zu Semester schlimmer und ich sehnte einfach nur noch das Ende dieses Studium herbei.

Dann kam erstmal der große Cut. Ich ging für ein Semester nach Brasilien, um dort internationale Beziehungen zu studieren, absolvierte anschließend 2 Praktika und schrieb meinen ersten Roman. Das Ganze nahm 2 Semester in Anspruch. Alles was mir noch fehlte, um endlich Bachelorette zu sein, war die von allen gefürchtete Bachelorarbeit. Da auch ich keine Ahnung hatte, was ich auf über 30 Seiten logisch darlegen wollte, schob ich den Spaß bis zum Ende hin. Und schob und schob, bis sich der Bachelorarbeitsbrocken nicht mehr weiterschieben ließ und drohend und ungemütlich vor mir stand.

 

Mittlerweile lebte ich aber schon in Berlin, hatte mit anderen Dingen zu kämpfen, jobbte und war völlig aus dem Studentenleben mit Prüfungen, Zitierweisen und Bibliotheken raus. Ich hatte absolut keine Motivation und kein Elan, dieses Monster zu bewältigen.

Ganz langsam dämmerte es mir nach meinen Praktika und zahllosen Bewerbungen um Werkstudentenjobs in meinem angestrebten Berufsfeld auch, dass ein klassischer Bürojob nicht so ganz zu meinem Glück beitragen wird. Die ganze Studiumssituation, sowie einige andere Umstände wirkten sich stark auf mein psychisches Befinden aus. Ich hatte meine 2. starke depressive Episode und war in ärztlicher Behandlung.

Also habe ich Stunden und Tage damit verbracht, mir zu überlegen, alles in letzter Minute hinzuwerfen. Für und Wider und der Gedanke im Nacken, dass ich völlig versagt habe, wenn ich jetzt abbreche, dass dieser Makel für immer an mir haften wird, dass ich ein gesellschaftlicher Regenwurm sein werde.

Letztendlich hatte ich nicht den Mut dazu und noch einen letzten Funken Wille in mir, das abzuschließen, was ich vor Jahren begonnen hatte. Ich schaffte es an den richtig üblen Tagen zwar nicht vor 15 Uhr aus dem Bett und in die Bibliothek, aber ich ging, ich setzte mich zumindest für 2 Stunden hin und schrieb, irgendwas. Ich wusste, dass die Arbeit qualitativ unterirdisch werden würde, aber ich dachte, besser so als gar nicht. Und ich schaffte es, bestand, habe jetzt einen Bachelor in Politikwissenschaft. Und werde wohl niemals damit arbeiten.

 

Ich wünsche mir oft, ich hätte im 3.,4. oder 5. Semester abgebrochen. Aber damals hatte ich keine Alternative vor Augen, ich kannte mich und meine wirklichen Leidenschaften und Ziele so viel weniger als jetzt. Also musste es wohl so kommen, wie es kam, ich musste wohl durch als das durch, um jetzt da zu sein, wo ich bin.

Ich bin natürlich heute nicht unglücklich darüber, dass ich einen Abschluss in der Tasche habe, schaden kann es nicht. Nochmal so machen würde ich es trotzdem nicht.

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