Nicht Instagram ist das Problem, du bist es // Social Media Bashing

Wir regen uns auf, wir verteufeln, wir schauen sentimental zurück. Die guten alten Zeiten sind es, ohne dieses Internet, diese sozialen Medien, ohne Smartphonezombies auf der Straße, die erst wieder vom Display aufschauen, wenn sie fast angefahren werden.

Als die Kinder noch draußen gespielt haben, als man noch in der Erde gebuddelt hat, anstatt Filter über Filter auf das neuste Selfie zu legen. Hach.

Als noch die inneren Werte mehr gezählt haben, als eine frisch operierte Nase auf Instagram, als wir mal zum Buch statt zum Handy gegriffen haben, als diese ganze Oberflächlichkeit noch nicht so vorherrschend war. Instagram macht die Menschheit doch krank!

 

Avocadotoast und Açaíbowl

 

Und dann, wenn wir uns echauffiert haben, über Instagram, Facebook, Snapchat und co., wenn wir eine freie Minute haben, was tun wir dann? Durch Instagram scrollen. Und wen haben wir da abonniert, wem folgen wir, welchen Bildern geben wir Likes, kommentieren, hypen wir?

Die frisch operierten Nasen! Die gestellten und bis zum geht nicht mehr konstruierten #couplegoals-Bilder, mit viel rosa und weiß, und Einhörnern. Mit den Blumenbouquets und der Daniel Wellington Uhr. Das wieder gleiche aufgespritzte Lächeln, die perfekt gewellten Haare mit Balayageverlauf, den Bikinihintern am verlassenen Strand, das high end fashion-face in einem Pariser Café, mit Avocadotoast und Açaíbowl.

 

Der einzige Grund, dass diese Bilder wieder und wieder produziert werden, dass die immer gleiche, unechte Schiene gefahren wird, dass kein einziger echter Moment mehr auf Instagram landet, das bist du! WIR alle, die genau diese Bilder sehen wollen. Die diese Bilder liken, die immer wieder schreiben, wie schön besagte Personen doch sind, wie perfekt, wie goals! Wir sind die Nachfrage, nach der sich das Angebot ausrichtet.

 

Nachfrage #goals – Angebot #goals

 

Wenn morgen kein einziger mehr einem Feed folgt, der nur aus gestellten rosaglitzeroutfitschmollmundphotoshop-Bildern besteht, wenn diese Bilder nicht mehr Tausende von Likes und Kommentare erhalten, wenn die Leute zeigen, wie genervt sie davon sind, dann wird übermorgen kein einziges solcher Fotos mehr zu finden sein.

Wir sind es doch, die die ausgetauschten Hintergründe, die dünner gemachten Beine, die operierten Nasen mit den dicken Lippen sehen wollen. Die großen Brüste zu den schlanken Taillen. Wir verhelfen genau dieser Stumpfsinnigkeit immer und immer wieder zu Ruhm und Erfolg. Denn eigentlich gefällt es uns ja, wir wollen diese unechte, perfekte Scheinwelt, wir wollen die 200. Pradatasche sehen, wissen, auf welchen Events die Influencer jenseits der 100.000-Follower-Marke rumhängen. Wir fördern die Markengeilheit, das Unechte, das wir so, so scheiße finden.

Entfolgt erstmal den großen Influencern, die nur deshalb so groß sind, weil diese Kitschbilder so gehyped sind. Sucht doch mal die 10.000-Follower Accounts, mit den Fotos von Landschaften, von echten Momenten, von echten Menschen, die etwas aus ihrem Leben teilen, das nicht aus rosa Flauschjacken besteht. Wo es nicht nur um Fashion und Beauty geht.

Und dann können wir uns nochmal aufregen

 

Wir sind ganz einfach nicht weniger Fake, wenn wir vorneherum überheblich über die Masche der großen Influencer lästern, sobald wir uns umdrehen jedoch durch ihre Bilder scrollen. Genau das hat sie groß gemacht. Wenn wir Kooperationen allzu plump umgesetzt und unauthentisch finden, müssen wir das zeigen, unseren Like entziehen, uns abwenden. Und nicht weiter sensationsgeil verfolgen.

 

Nicht Instagram ist das Problem, sondern du bist es, jeder einzelne (ich inklusive). Die Technik ist lediglich das Mittel zum Zweck. Wir sind mündig, einige von uns erwachsen, gebildet, bewusst. Keiner zwingt uns, 13 Stunden am Tag durch Instagramfeeds zu scrollen, keiner. Du selbst entscheidest, ob du dich von Social Media auffressen, einsaugen lässt, ob du dich unbewusst zum Markenzombie machen lässt, indem du dir wieder mal eine Story anschaust, in der ein Influencer sich eine neue Designertasche zulegt. Bis du von „wie lächerlich“ nach und nach glattgewaschen wirst und schließlich beim „will ich auch“ landest. Du kannst dich vielleicht nicht gegen die Beeinflussung der konsumierten Inhalte wehren, aber du kannst immer noch selbst entscheiden, was du überhaupt konsumierst!

Wir entscheiden

 

Ich weiß noch, dass ich früher von der Schule kam und erstmal den Fernseher angeschaltet habe. Und dann lief RTL von „Mitten im Leben“ über „Verdachtsfälle“ bis GZSZ. Stundenlang, während ich gegessen, geschlafen, Hausaufgaben gemacht habe. Nonstop. Mittlerweile habe ich nicht mal mehr einen Fernseher. War also vor 10 Jahren alles so viel besser?

Noch ein paar Jahre zurück, habe ich leidenschaftlich gerne SIMS gespielt. Ich hatte jede Erweiterung, Party, Haustiere, Unileben. Die Wochenenden habe ich ausschließlich vor dem PC verbracht, bis ich Kopfschmerzen hatte, mit meinen Freundinnen zusammen. Weil ich so viel Spaß daran hatte, Familien zu gründen, Häuser zu bauen und ab und an Sims im Pool ertrinken zu lassen. Habe ich mit 10 Jahren also noch richtig gerne und viel im Garten rumgebuddelt? Nicht wirklich.

 

Ich finde es zu einfach auf die Technik, das Internet und Social Media zu schimpfen. Menschen werden immer einen Weg zum einfachen Entertainment, zur Ablenkung, zur Berieselung für Entspannung finden. Ob das Stierkämpfe oder Instagram sind ist letztlich egal. Es zählt, dass du dir bewusst bist, was du eigentlich den ganzen Tag treibst, wie du dich beschäftigst, was du konsumierst und förderst. Du selbst hast die Wahl, du entscheidest, worauf du deine Aufmerksamkeit lenkst.

Also regen wir uns einfach mal ab und übernehmen selbst die Verantwortung für das, was wir zu sehen bekommen. Das müssen nämlich nicht operierte Nasen sein.

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