Ich finde Selbstliebe zum Kotzen // Optimierungswahn at its best

Der Titel ist ein bisschen überzogen und provokant, ok. Trotzdem würde ich gerne am Tag der Liebe ein paar Zeilen zum wahrscheinlich am häufig verwendetsten Social Media-Wort vom Stapel lassen: Selbstliebe

 

Selbstliebe ist zum Statussymbol mutiert, wie einst ein dickes Auto, ein angesehener Job oder das glücklich Sein. Jeder strebt danach, Du musst es haben, wenn du es nicht hast, tust du wenigstens so als ob und reibst es jedem unter die Nase. Du ermutigst dazu, wie du selbst, danach zu jagen, weil das Leben dadurch so viel besser wird, du dadurch alles erreicht hast, was du heute bist und hast.

 

Du musst dich selbst lieben! Bedingungslos. Alles an dir. Das ist der Schlüssel zu allem, Erfolg, Partnerschaft, Lebensglück.

Du musst halt irgendwie. Mach halt einfach.

 

 

Selbstliebe oder auch Perfektion

Dass es prinzipiell nichts Schlechtes ist, mit sich im Reinen zu sein, sich selbst nicht zu hassen und runter zu machen, will ich überhaupt nicht bezweifeln. Natürlich sieht dein Leben besser aus, wenn du es dir nicht selbst schwer machst, wenn du dir selbst nicht permanent ein Bein stellst.

Aber dieses Wort Selbstliebe, dieser Druck dahinter, geht einfach in die falsche Richtung.

 

Die digitale Gesellschaft suggeriert, dass es jegliches Negative abzuschaffen gilt. Kein Neid, kein Hass, keine Missgunst, keine (Selbst)Kritik, kein schlechter Moment. Du musst alles und jeden und vor allem dich selbst lieben.

 

Mal ehrlich, wer tut das? Wer kann mit jeder eigenen Schwäche, mit jedem Fehler der Vergangenheit, mit jeder Macke und jeder schlechten Angewohnheit Frieden schließen? Das ist nichts, was man eben mit 21 Jahren beschließt und dann ist es da. Die Selbstliebe. Daran kann man arbeiten, das kann man anstreben. Aber Selbstliebe als Label, als Kampfbegriff, als Charakterzug erfolgreicher Menschen ständig zu bewerben, das erzeugt mehr Druck als Freiheit.

Der Begriff allein setzt schon zu weit oben an. Wie wär’s damit sich erstmal alles in allem ganz gut und okay zu finden. Sich nicht abzulehnen, sondern zu akzeptieren, sich irgendwann zu mögen, seine Erfolge anzuerkennen lernen, für Manches Stolz zu empfinden.

 

Immer das Maximum

 

Liebe ist hoch gegriffen und erzeugt eher ein Kratzen im Hals anstatt positive Gefühle, wenn man dabei an sich selbst denkt. Fahr doch mal eine Stufe runter, das wäre doch auch ausreichend.

 

Wie schon erwähnt, stört mich eben so die verdrängende Haltung, die mit der ganzen Selbstliebe/Positivity-Bewegung einhergeht. Es ist nicht sinnvoll zu verdrängen, dass auch negative Gefühle in einem hausen. Das ist normal und menschlich. Sich zu verbieten, etwas anderes als Liebe zu fühlen, heißt zu verdrängen, ins Unterbewusstsein zu schieben und ein größeres Problem daraus zu machen, als es eigentlich ursprünglich war. Natürlich muss man nicht täglich in Selbstmiteid baden und wenn man immer alles scheiße findet, sollte man seine EInstellung eventuell überdenken. Aber sich nicht mehr fühlen zu lassen, was man eben fühlt, das zu verdrängen und weg zu schieben ist der völlig falsche Weg.

 

Selbstliebe im Detail

 

Und was bedeutet Selbstliebe überhaupt im Kleinen, in einzelnen Schritten, die das große Ganzen, das Leben, ausmachen? Die einen verstehen darunter, sich gehen zu lassen, Yolo, eine Pizza nach der anderen und jedes Gramm Fett an sich selbst lieben. Die anderen knallharte Disziplin, dem großen Erfolg in jedem Lebensbereich hinterher hechten, perfekte Figur durch 100% cleane Ernährung, morgens 2 Stunden früher aufstehen und meditieren.

 

Es muss einen Weg dazwischen geben. Was für einen selbst in jedem einzelnen Fall gerade gut ist, muss man immer wieder neu entscheiden. Nur schwarz oder nur weiß macht dich sicher nicht selbstverliebt.

Ist es jetzt gerade besser, sich einfach schlafen zu legen oder geb ich mir einen Ruck und gehe noch aus?

Gönn ich mir jetzt diesen Burger, weil es mir gut tut, mir etwas zu gönnen, oder lass ich es, weil es der 5. in dieser Woche ist?

Spare ich mein ganzes Geld akribisch für einen großen Wunsch weg oder lass ich es auch mal gut sein und kaufe mir jetzt dieses Oberteil?

 

Du musst in dich hineinhören, mal nachgeben, mal stur bleiben. Immer knallhart oder dauerhaft undiszipliniert ist zu einfach gedacht.

 

Wir haben uns selbst zum Projekt erklärt, an dem man unentwegt arbeiten muss, das niemals fertig, niemals gut genug ist. Noch ein bisschen mehr Selbstliebe, noch ein bisschen mehr Erfolg, noch ein bisschen schmalere Hüften.

Lassen wir’s doch einfach mal gut sein für eine Weile. Es ist nicht falsch, an sich arbeiten zu wollen. Aber seh dich nicht wie ein kaputtes Auto auf dem Schrottplatz, bei dem man jedes kleine Teil austauschen, nachjustieren, verbessern muss, damit es irgendwann endlich perfekt ist. Du bist jetzt schon ziemlich okay so wie du bist.

 

 

 

 

8 Kommentare

  1. Da wären wir wohl mal wieder beim „goldenen Mittelweg“ – Ich weiß nicht, ob es den gibt. Und ich weiß auch nicht, ob, wenn jeder so konsequent wäre, ihn zu gehen oder auch nur anzustreben, unsere Welt „besser“ wäre oder würde, ob es dann, wenn weniger Selbst- oder Eigenliebe gepredigt würde, worunter auch manche wieder so manches verstehen *seufz*, weniger auf „Maximum“ orientiert zuginge.

    Was gut wichtig und wohl wenigsten nicht falsch wäre, wäre zu begreifen, dass wir einander BRAUCHEN und das das, dieses aufeiender – angewiesen -. sein sich leichter und letztlich überhaupt nur leben lässt, wenn wir zu Kompromissen fähig sind. Mit und selbst und mit unseren Mitmenschen.

    Es gibt so ein paar ganz einfache, geradezu „logisch seiende“ Werte – die Besinnung auf dieselben und der aufrichtige, täglich Versuch, daran orientiert zu leben, könnten dabei nach meiner Abnsicht ganz entscheidende Hilfe sein.

    Ich fürchte nur, unsere Gesellschaft ist nicht (mehr) danach. Darin haben sich einiges und einige bereits derart verselbständigt (sic), darunter leider und nicht zu wenig Leute mit erhelblichem Einfluss, dass so eine gefühlte „Eigendynamik“ entstanden ist, die die meisten Menschen empfinden lässt, sie müssten vor allem etwas dafür tun, nicht „zurück“ zu bleiben.

    Dagegen Argumente zu finden ist unglaublich schwer. Weil, wer „zturückbleibt“ in dieser Gesellschaft, Verlierer ist, im Mindesten so behandelt wird.

    *

    Dein Text ist trotzdem und gerade deshalb wichtig, liebe Arunika.

    Viele freundliche und liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 3 Personen

  2. Dankeschön für diesen Post. Das Thema beschäftigt mich auch schon eine Weile – bin etwas genervt von der aktuellen Selbstoptimierungs-Welle. 😉 Dein Beitrag analysiert das Für und Wider echt gut.

    Gefällt 1 Person

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