Hilfe, Mein Wert liegt bei 8,50€ // Nebenjobs und andere Qualen der Jugend

Gerade erreicht mich eine Anfrage einer Komparsenagentur: Nacktszenen und katastrophaler Haarschnitt + Schwarzfärbung der Haare als Double in einer Filmproduktion für ein paar hundert Euro. Ob ich nicht Lust hätte?, (Ist tatsächlich nicht ausgedacht).

 

Ich antworte, dass sie mir dafür schon 10.000 € bieten müssten. Mit Lachsmiley. Obwohl ich eigentlich lieber den lachenden Kackhaufen geschickt hätte. Oder gleich ein Teufelsgesicht.

 

 

Es ist immer wieder aufs Neue schön zu sehen, wie versucht wird, einen als Sandkorn des Kapitalismus auf noch kleinere Größe zusammen zu pressen.

 

 

In der Großstadt ist das Angebot an schnell verfügbaren Jobs riesig. Jobs, die ein bisschen wie Tinder funktionieren. Du wischst deine E-mails durch, antwortest mal ja mal nein, bringst es hinter dich, 2 Wochen später ist das Geld da (wenn du Glück hast. Manch eine Agentur tänzelt auch erst 1,5 Monate um die Gehälter der lieben Zinsen wegen und überweist dann).

 

Klar könnte man auch Kellnern oder an der Supermarktkasse sitzen, aaaaaber, dieser Monatsschichtplan, in den man sich eintragen soll, Wochen im voraus, das ist für meinesgleichen zu viel Verbindlichkeit, zu viel Festlegen, zu viel Freiheitsberaubung. Vielleicht will ich reisen gehen in 3 Wochen. Oder endlich diese eine Hausarbeit schreiben. Oder aber ich habe einfach keine Lust zu arbeiten. Wer weiß denn schon, was in 3 Wochen ist?!

 

Und genau hier fangen uns sämtliche Gastronomie-/ Hostessen-/ Komparsen-/Sonstige-kurzfristige-Jobangebotsagenturen ein. Du musst nur dieses eine Mal für diesen einen Job fest zusagen. Wirst immer wieder aufs Neue gefragt, kannst immer wieder entscheiden. Maximale Flexibilität, Auswahl, Unverbindlichkeit. Wie bei Tinder eben. Das passt zu so gut zu unserem Lebensstil.

 

Leider sind die Jobs, der Umgang und die Bedingungen nicht der Hit. Da jeder Depp den Job machen kann, wirst du auch genau so behandelt.

 

Wo fange ich an?…

 

Als ich frisch in Berlin angekommen bin, hatte ich keine Ahnung vom Jobmarkt und den Möglichkeiten hier und wollte einfach ein bisschen was neben der Bachelorarbeit dazuverdienen. Gastro also, für nette 8,50€ die Stunde damals. Nach einer kleinen Schulung bekam ich eine Ausrüstung an Kleidung und Kellner-Utensilien und konnte loslegen. Da man aber nach ein paar Stunden Schulung in Gläser tragen, Gloschen herumschleifen und Tische eindecken alles Gelernte wieder vergessen hat, habe ich mich hauptsächlich auf die einfachsten Jobs gemeldet: Tische abräumen, Essensausgabe, Ausschank. Was genau man machen muss, erfährt man jeweils erst vor Ort. Genauso wie die Länge der Arbeitszeit. Und genau hier wird es erst richtig lustig.

 

Denn es ist gerade in der Gastro nicht unüblich, 10 Stunden und mehr in der Gegend herum zu rennen, von allen Seiten zugerufen zu bekommen, dass es schneller und besser gehen muss und am Ende völlig am Ende zu sein.

Ist man auf noblen Veranstaltungen eingesetzt, mit exklusiven Gästen, die sich für besonders wichtig halten, ist es nicht selten, dass man von Besagten gar nicht wahrgenommen wird, zumindest nicht als menschliche Kreatur. Bitte und danke, nein danke.

 

Mein Highlight war definitiv ein großes politisches Sommerfest, auf dem ich 2 Tage hintereinander 13 Stunden arbeiten durfte. Mit jeweils einer halben Stunde Pause. Was rechtlich absolut nicht erlaubt ist und an Arbeitslager-Bedingungen erinnert, aber who cares. Danach wurde sich von der Agentur per Mail bedankt, der wichtige Kunde sei höchst zufrieden. Und das ist schließlich alles was zählt.

 

Nach diesem Event hatte ich die Schnauze voll, ich wollte angenehmere Bedingungen und mehr Geld. Also stieg ich auf zur Hostess, yeah. Hostessenjobs beinhalten meistens irgendwo herumstehen und nett lächeln. Nicht anspruchsvoll und todlangweilig. Aber man macht sich nicht kaputt. Einzige Voraussetzung ist ein annähernd attraktives Äußeres.

 

Und so stand ich mir auf zig Veranstaltungen mit der obersten politischen Riege, besoffenen Schauspielern und wichtigtuerischen C-Promis die Beine in den Bauch und lächelte, bis es gruselig wurde. Manchmal durfte man akkreditieren, den Weg weisen, einen Weg versperren. Promotion ließ ich meistens aus, da ich es hasse, Leute von schwachsinnigen Gewinnspielen zu überzeugen.

 

Als Hostess kann man bei Glück auch mal 11-13 € die Stunde machen. Während einer großen Technikmesse, auf der ich tätig war, wurde unter den Hostessen gemunkelt, dass die Agentur pro Hostess 50€ bekommt. Da muteten unsere 13 € doch nicht mehr ganz so lukrativ an, aber gut, man nimmt was man kriegen kann.

 

Mein Highlight war hier eine der wichtigsten politischen Wahlen des Landes, bei der ich zwar eingesetzt wurde, aber tatsächlich  keine Aufgabe hatte. Stattdessen lief ich stundenlang herum und machte Fotos von allen anwesend Politikern. Das war genial.

Oder eine Abendveranstaltung eines großen Technikherstellers. ein suuuper wichtiger Kunde der Agentur. Wir mussten in hohen Hacken, die spitz zuliefen, stundenlang am Rande des Saals verteilt stehen und wie fest zementiert lächeln. Ohne jegliche Funktion, einfach so. Abwechselnd wurden wir abgelöst, um uns die Füße mit Eisspray einzusprühen, wenn wir kurz davor waren, vor Schmerz aus den Latschen zu kippen. Am Ende des Abends war der CEO jenes Technikkonzerns so betrunken, dass er singend und gröhlend aus dem Saal getragen werden musste. Nein, das ist leider kein Scherz.

 

Lustig war auch immer das Feilschen um jeden Cent. Gerne wurde bei uneindeutiger Uhrzeit zu Schichtende von Seiten der Agenturen abgerundet. So viel wie nur möglich. Es war wirklich lächerlich.

Immer wieder fragten wir Arbeitenden uns gegenseitig, warum wir das eigentlich taten und schworen, nie wieder einen Job der Agentur xy anzunehmen. Und doch taten wir es immer wieder. Weil es einfach war, schnell verfügbar, ohne großen Aufwand. Mal nebenher 100€, kann nicht schaden.

 

Komparserie, daran hatte ich eigentlich immer wirklich Spaß. Das Setleben, die Drehs an sich. Wäre da nicht die unberechenbare Dauer eines Drehs, der sich auch gerne mal 11,12,13 Stunden zieht. Oder auch nur 2. Man weiß es nie. Man bekommt eine Pauschale, meist 60€ für 7 Stunden. Und die ist fix, egal ob man dann 1 oder 7 Stunden vor Ort gebraucht wird. Oft dauert es länger und pro angefangene Stunde werden sage und schreibe 8,50/75 draufgesetzt.

Sehr skurril war ein Nachtdreh für eine amerikanische Netflix Produktion. Ich und dutzend andere wurden als Leichen eingesetzt. Eingesetzt im Sinne von, wir lagen in kleinen Betten in einer großen Lagerhalle und…lagen halt einfach da. Bis 4 Uhr nachts. Um uns herum, Explosionen, Schießereien etc. Manch eine Leiche hat es trotzdem geschafft zu schlafen. Ich leider nicht.

 

Das angezeigte Bild hat rein gar nichts mit dem Inhalt des Beitrags zu tun. Das soll witzig sein und verwirren.

 

4 Kommentare

  1. So was würde ich Dir so wieso niemals empfehlen: Kompasen Jobs! Mach lieber Affiliate- und Influencermarketing über „fiverr.com“ und wenn Du dann noch Zeit hast kannst es mit seriösen Kompasenjobs probieren oder besser mit seriösen modeln, über z. B. model-kartei.de – Viel Spaß.

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