Privatsphäre, wofür? // Big Brother sind wir

privatsphäre wofür? Ist privat veraltet in Social Media Zeiten?

Privatsphäre, privat, intim, alleine, für sich, im Verborgenen, Dinge, die keinen etwas angehen, Schutz vor dem Außen. Haben und brauchen wir das noch? Ist das Konzept Privatsphäre überholt, am aussterben, nicht mehr zeitgemäß?

 

Social Media gibt uns eine Bühne, auf der wir von uns zeigen können, was wir möchten. Alles, wenn wir möchten. Instagram für das Mittagessen und die Berichte, was wir den ganzen Tag so treiben, Twitter für ein politisches Statement, Facebook, um für Veranstaltungen zu zusagen, Whatsapp, um den Kinoabend zu planen. Vor allem unsere Generation und die nachfolgende tendieren dazu, alles Mögliche unbedacht preiszugeben. Der Wunsch nach Privatsphäre scheint langsam abzusterben, ist wie ein Rudiment vergangener Generationen.

 

brauchen wir noch eine Privatsphäre?

 

Dass sich etwas, das im Netz von uns kursiert, negativ auf das analoge Leben, den Job beispielsweise, auswirken könnte, darüber denkt kaum mehr einer nach. Warum auch? Gerade wer besonders viel zeigt, scheint im echten Leben Ruhm, Designerkleidung und haufenweise Geld anzuziehen. Und selbst wenn keinerlei professionelle Ambitionen hinter unserer Social Media-Aktivität steckt, wollen wir unsere Follower, Freunde und Bekannte doch auf dem Laufenden halten. Alle mit einem Wisch. Ein Urlaub ist nicht mehr nur wir an einem fremden, tollen Ort, sondern wir und die täglichen Updates für die Instastory, so dass jeder alles live miterleben kann. Hinterher 5 Fotos in unser Facebook-Album hochladen, oder gar entwickelte Bilder ein paar Freunden unter die Nase halten, reicht uns schon lange nicht mehr.

 

Wenn wir genießen, dann kollektiv

 

Es gibt sie schon noch, die Leute ohne Instagram und Facebook, sogar ohne Smartphone. Wir finden sie fast ein bisschen verstaubt, fragen uns, ob sie nicht etwas verpassen, ob ihnen nicht eine ganze Welt verschlossen bleibt, sie sich das Leben nicht unnötig schwer machen. Wie findet man sich denn zurecht ohne Google Maps? Und ist man nicht irgendwie außen vor ohne Whatsapp?

Der Trend geht jedenfalls in eine andere Richtung.

 

Bei den meisten – nicht allen – funktioniert die Privatsphäre an einem Punkt noch ganz gut. Wir teilen unsere Wohnung, Kleidung, Trips, Restaurantbesuche, Freunde, Langeweile und Make up-Looks. Aber nicht den Streit mit dem Freund, die Unsicherheiten und Kämpfe des täglichen Lebens. Oft kommt der Vorwurf, Social Media sei oberflächlich, zu positiv, unrealistisch perfekt. Aber wollen wir wirklich auch noch von der einwöchigen Verstopfung von Emma-Emilia-Lu wissen?

 

Wir sind zum eigenen Big Brother mutiert. Als ich noch zur Schule ging, wusste ich nicht, wie die Wohnungen aller meiner Mitschüler aussahen, was sie zuhause aßen, wohin sie nach der Schule gingen und was sie im Supermarkt Neues entdeckt hatten.

Heute ist alles offener, zugänglich. Natürlich macht nicht jeder Roomtouren und zeigt sich morgens ungeschminkt nach dem Aufwachen. Oft sind es die großen Influencer, die ihr Geld damit verdienen. Aber mehr und mehr eben auch alle anderen. Weil man’s halt macht. Weil man einfach keine Bedenken mehr hat. Wenn alle es machen, kann es so falsch nicht sein, oder?

 

Wohin führt dieser Trend langfristig? Werden wir irgendwann mal 24/7 mit einer Kamera herumlaufen und alles filmen? Oder doch eher den Perfektionismus wahren und immer gestelltere, inszenierte Momente zeigen, die rein gar nichts mit dem echten eigenen Leben zu tun haben?

 

Was davon ist besser?

Wir beklagen uns über öffentliche Überwachung, NSA und BND, aber stellen Millionen Menschen unser tägliches Leben als Reality TV 2.0 zur Verfügung. Wo ist der Unterschied?

Ist das ganze problematisch oder nicht? Ist es gut, andere Menschen via Instastory näher kennen zu lernen, Zugang zu fremden Leben zu haben, überall dabei sein zu können, wenn man will?

Müssen wir uns noch schützen? Wovor?

 

Ich persönlich finde es in Ordnung, Momente zu teilen, Geschichten zu erzählen. Solange man sich bewusst ist, was genau das ist und wo die Grenzen für einen selbst liegen. Ich würde niemals auf Social Media Beziehungsinterna ausplaudern. Ich kenne Menschen, die das sehr wohl tun. Ich finde allerdings, dass wir vor allem die Grenzen anderer schützen müssen. Wir selbst können über unsere Offenheit bestimmen, aber eventuell will der Partner oder die beste Freundin nicht, dass wir aller Welt gestehen, dass wir gerade einen riesen Krach haben und seit 2 Tagen nicht mehr miteinander reden?!

 

Offenheit macht verletzlich und unverwundbar gleichzeitig. Verletzlich, weil wir jeden urteilen, verurteilen, beurteilen lassen. Weil wir all die Meinungen, Ratschläge und Worte der anderen in uns aufsaugen, über uns ergehen lassen müssen. Weil Wissen gegen uns verwendet werden kann. Weil sehr viel falsch verstanden und verfälscht wird.

 

Unverwundbar, weil es keine Angriffsfläche gibt, wenn man ehrlich und offen ist. Wer zu sich und seinen Taten steht, der gibt keinen Raum für Gerüchte und Vermutungen. Für Sticheleien und Provokationen. Weil es nichts gibt, das andere sich zusammenreimen müssen und das daraus machen können, was sie wollen.

Die Balance ist es wohl wie immer. Keine Ahnung, welches hier das richtige Maß ist.

Ich glaube nicht, dass wir in naher Zukunft wieder zur völligen Privatsphäre zurückkehren. Schließlich singen und tanzen die heute 13 Jährigen mittlerweile nicht mehr unter der Dusche, sondern auf musical.ly. Mal sehen, was als nächstes kommt.

 

quarterlife.blog_privat

2 Kommentare

  1. Ich „oute“ mich mal, Arunika: Bin weder bei Instagram, noch bei facebook oder twitter, habe kein Smartphone, mein Mobiltelefon ist weder internetfähig, noch kann ich damit WhatsAppen oder MMS empfangen. Okay, ein bisschen „staubig“ bin ich auch schon … 😉

    Aber ich lebe noch, habe mein Portal hier (kein anderes sonst) und versuche mich ansonsten durch halbwegs gezielte und bewusste Informationen „am Ball“ zu halten. Allerdings geht so mancher mehr oder wenige langlebige neue Trend inzwischen auch schon an mir vorbei …

    Aber ich vermisse nichts.

    Mir gefällt auch dieser Eintrag von Dir gut. Er differenziert, macht auf Gefahren aufmerksam und Du positinierst Dich selbst.

    Viele liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 2 Personen

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