Ich glaub, ich bleibe hier // Über’s Auswandern

Mir war immer klar, dass ich nicht in meiner Heimatstadt bleiben werde. Die Enge hat mich bedrückt, die Möglichlosigkeit, das immer Gleiche, der Mangel an Nuancen, an Input. Es hat nie richtig gepasst, es hat sich immer ein bisschen falsch angefühlt. Ich wusste, dass ich woanders zufriedener sein würde. Also aufjedenfall schnell weg nach der Schule.

Dass ich zum Studieren ins Ausland gehe, kam für mich nicht in Frage. Ich war unsicher, und allein schon der Gedanke, in einer anderen (deutschen) Stadt neu anzufangen, hat mich nervös gemacht. Trotzdem hatte ich immer die Vorstellung, irgendwann einmal auszuwandern und mein Glück in einem fremden Land zu versuchen. Ich dachte, das könnte etwas mit mir machen, mich neu und anders werden lassen, das heilen, was irgendwann einmal kaputt gegangen war.

Seit fast 15 Jahren bin ich ein riesiger Brasilienfan. Warum auch immer, aber das Land faszinierte mich schon lange, bevor ich dort war, und in meiner Vorstellung war es eventuell der Ort, an dem ich mich endlich richtig heimisch fühlen konnte. Das habe ich gesucht, ein Gefühl des Ankommens, des sich richtig Anfühlens, der Ruhe und Aufregung zugleich.

Als ich dann vor 3 Jahren endlich in Brasilien landete, ist mir bewusst geworden, dass es für mich nicht in Frage kommt, dort zu leben. Ich liebe Rio de Janeiro, das Land und die Leute sind toll, aber ich könnte nicht auf Dauer dort sein. Es ist eine andere Lebensart, mit der mich letztendlich nichts verbindet, zu der ich keinen völligen Zugang, keine Identifikation finde.

 

Eine weitere Möglichkeit, die mein Hinterkopf über die Jahre gespeichert hatte, war Australien. Das Land ist westlich, das Wetter passt und die Leute sind cool und locker.

Australien habe ich anfang des Jahres bereist und den Kontinent könnte ich mir von den Bedingungen her schon wirklich zum Leben vorstellen. Aber es reizt mich mittlerweile nicht mehr so sehr, die Flucht zu ergreifen, möglichst weit weg zu gehen, alles stehen und liegen zu lassen und neu anzufangen.

 

Sicherheit und Unsicherheit sind menschliche Grundbedürfnisse, die bei jedem unterschiedlich ausgeprägt sind. Manch einer braucht das ständige Abenteuer, immer Neues, immer wieder Chaos und Veränderung und manch anderer sehnt sich mehr nach festem Arbeitsplatz, Routinen, Sicherheiten.

Ich denke, bei mir halten sich die beiden Bedürfnisse mittelerweile ziemlich die Wage. Ich brauche eine feste Bleibe, in der ich mich wohlfühle, ich mag Alltag, Routinen, Gebunden sein. Auf der anderen Seite geht aber auch nicht zu viel Monotonie, ich muss ab und an raus, ein bisschen ausbrechen, etwas Neues erleben, Dinge ändern.

Komplett alle Zelte abbrechen, erscheint mir jedoch nicht mehr als großer Traum. Viel reisen, vielleicht auch ein paar Monate woanders leben, unterwegs sein, das gerne. Aber meine neu geschlagenen Wurzeln, die sich gerade so in der Erde befestigt haben, auszureißen, das will ich nicht. Ich bin froh, dass ich mittlerweile ein bisschen Rastlosigkeit ablegen konnte, ein bisschen angekommener bin, bei mir, an einem Ort, mit Menschen.

Man nimmt sich selbst ja sowieso überall hin mit. Dieser magische Ort, an dem du erstrahlst und deine Unzulänglichkeiten verblassen, ich weiß nicht, ob es den gibt. Vielleicht für den ein oder anderen schon.

Neuanfangen ist mühsam und manchmal zum Verzweifeln. Man muss sich selbst immer wieder antreiben, nicht aufzugeben, weiter zu machen, weiter zu hoffen, den Anfang muss man überstehen, die Einsamkeit, die Zweifel, das Gefühl zu verpassen. Ich weiß nicht, ob ich mich darauf nochmal voller Vorfreude einlassen könnte. Ich bin bequemer geworden die letzten Jahre. Alleine in dreckigen Hostels mit 12-Bett-Zimmer und zu wenig Geld für’s Taxi, kaum Sprachkenntnisse, Leute ansprechen, unendlich viel Smalltalk, immer alles so günstig wie nur geht, das ist mir teilweise zu anstrengend geworden. Alles hat seine Zeit.

 

Vielleicht ändere ich meine Meinung auch wieder, wer weiß das schon. Aber gerade glaube ich, ich bleibe hier.

 

 

 

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