Zu viel Auswahl // Gedankenwollmaus#1

Zu viel Auswahl bedrückt mich. Es macht mich fahrig, nervös, ungehalten, überfordert. Ich habe das Gefühl, Zeit zu verschwenden, wenn ich vor eine schier endlose Auswahl gestellt werde.

Eindrücklichstes Beispiel: Einkaufen. Ich hasse einkaufen. Lebensmittel, meine ich. Kleidung shoppen hasse ich noch mehr, das vermeide ich fast vollständig mittlerweile. Die meist schreckliche, zu laute Musik, das schnelle Wechseln der Kleidung, das grelle Licht in den Umkleidekabinen und die vielen anderen Leute. Geht gar nicht.

Essen ranschaffen lässt sich jedoch leider nicht vermeiden. Ab und an schaffe ich es, den Wocheneinkauf komplett an meinen Freund abzuwälzen oder ich überrede ihn, nur für die hälfte der Woche einkaufen zu gehen, damit es erstmal schneller geht. Wenn ich mal alleine unter der Woche zum Supermarkt gehe, verschweige ich das gerne, damit mir keine lange Liste an Mitzubringendem übermittelt wird. Auch wenn ich dann Ärger bekomme für meine heimlichen Machenschaften. Das ist es mir wert. (sorry)

Worst case ist nämlich tatsächlich, wenn ich 10 Dinge mitbringen soll, von denen ich mindestens 5 nicht kenne, bzw. keine Ahnung habe, wo im heimischen Supermarkt diese zu finden sind. Das ist dann sowas wie Cashewkerne, Schlagsahne, oder eine bestimme Käsesorte.

 

Käse ist wirklich das Schlimmste. Der Supermarkt bei uns hat eine sehr lange, sehr hohe Wand voller Käsesorten. Wenn ich davorstehe, kann ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Und es gibt nicht nur die exotischsten Varianten von Käse, die ich teilweise noch nie gesehen oder gehört habe, es gibt auch noch von jeder Variante etliche unterschiedliche Marken, die diese verkaufen. Wie soll man so etwas finden und nicht wahnsinnig werden?

 

Ähnlich beim Deo. Es gibt 100 verschiedene Deos, mit angeblich verschiedenen Funktionen, Größen, Duftrichtungen, Auswirkungen, Inhaltsstoffen,… Wer braucht so viel Auswahl? Es kostet mich wertvolle Minuten, jede, oder auch nur die hälfte der Optionen, durchzugehen und zu entscheiden, was für mich am sinnvollsten ist. Das ist verrückt. Ich will einfach ein verdammtes Deo.

Da wünsche ich mir öfters spontan einen Tante Emma Laden herbei, in dem von jeder Produktart ein Exemplar zur Auswahl steht. Ich glaube, damit wäre ich zufriedener.

 

Auswahl might kill you

 

Wieviele Stunden verbringen wir damit, uns über die Auswahl bestimmter Dinge zu informieren? Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir unzufriedener mit unserer Entscheidung werden, je mehr Auswahl wir hatten. Egal ob ein neues Handy, Auto, Waschmaschine, Föhn, Hotel, Haustier, Käse, Kissenbezug. Es gibt so viel, dass du dir nie sicher sein kannst, alles berücksichtigt zu haben. Entweder du wirst völlig gleichgültig deinem mangelnden Wissen und der darauf basierenden nicht optimalen Entscheidung gegenüber, oder dein Gehirn frisst sich selbst auf. Bzw. du widmest dein ganzes Leben dem Treffen von Entscheidungen und tust nichts mehr Anderes.

 

Mein Freund muss sich regelmäßig von mir vorwerfen lassen, er verschwende unsere Lebenszeit, wenn er sich die Marmeladengläser genauer ansieht und Preise vergleicht, anstatt, wie ich, zum nächstbesten zu greifen. Ich weiß, dass das übertrieben ist. Aber für mich fühlt es sich genau so an. Ich riskiere lieber, ein vielleicht etwas zu teures Produkt zu erwischen, als 3 Minuten dazustehen und alles einmal in die Hand zu nehmen und wieder wegzustellen.

 

Ich glaube der Mensch kommt mit ein bisschen Mangel (ein bisschen!) besser klar, als mit der Überhäufung an Auswahl. Im Großen, wie im Kleinen. Wenn es nur 3 unterschiedliche Paar Socken gibt, dann kauf ich eins davon, hab schnell entschieden und gut ist. Ich muss mir nicht überlegen, ob es vielleicht nicht doch noch coolere Socken gegeben hätte, die ich irgendwie verpasst habe. Das macht das Leben einfacher.

Die große Orientierungslosigkeit der Quarterlife Crisis rührt zum Teil ebenfalls vom Überfluss an Möglichkeiten. Wie soll man sich auch für etwas entscheiden, festlegen, wenn es keinerlei Begrenzung gibt? Früher hat man eben den Beruf ausgeübt, den die Eltern hatten, bzw. wofür es Ausbildungsstätten und Bedarf in der eigenen Stadt gab. Heute kannst du überall hinziehen, ja fast überall in der Welt, jede Art von Beruf ausüben. Oder etwas machen, das sich gar nicht als Beruf einstufen lässt.

 

Wie soll man sich da entscheiden? Es ist zum Haare raufen.

 

Wir können uns an nichts mehr festhalten. Nicht am Glauben, der Religion, die uns gewisse Grenzen und Regeln vorgibt. Wir glauben nämlich nicht mehr. Nicht an örtlichen, kulturellen Gegebenheiten. Die weichen auf, sind nicht mehr aktuell, oder wir können ihnen kinderleicht entfliehen. Nicht an Bräuchen, Traditionen, Regeln. Die gibt es kaum noch. Das alles ist toll, natürlich. Wir sind Weltbürger, offen, grenzenlos, können uns connecten, haben Zugang zu fast allem. Wir müssen nicht in einer lieblosen Ehe festhängen, weil das Dorf dumm guckt, wenn wir uns scheiden lassen. Wir müssen keinen verhassten Job bis an unser Lebensende ausführen, wir müssen nichts. Aber dadurch  wissen wir manchmal eben auch nicht, wohin eigentlich mit uns.

Dilemma.

Ein Ausweg scheint die persönliche, selbstgewählte Begrenzung zu sein. Ich esse keine Tiere, ich kaufe nur Lokales, ich bekomme ein Kind und heirate früh, dann kann ich gar nicht mehr in der Weltgeschichte umhertingeln und 20 Berufe ausprobieren.

Aber das ist ein anderes Thema.

Ich musste das mit der Überforderung, schon bei simplen Entscheidungen, einfach mal loswerden.

 

Geht es noch jemandem so?

 

 

 

 

6 Kommentare

  1. Ja definitv geht es mir so, total anstrengend. Ich meine, einerseits ist das natürlich super, ein Tante Emma Laden kann auch massiv nerven, wenn es immer nicht das gibt, was du eigentlich haben möchtest, aber ich tendiere auch zum Gestresstsein, wenn ich irgendwas unter 1000 Sachen aussuchen muss.
    Ich habe just heute durch so einen „wunderbaren“ Studienratgeber der Arbeitsagentur geblättert, den ich noch bei mir liegen habe: Bestimmt 300 Seiten, beschrieben in Schriftgröße 4 mit eng andeinander gereihten Studiengängen, ich glaube so um die 15000. TOll, dass mir das jemand aufgelistet hat, aber ich kriege echt schlechte Laune, wenn ich mir aus dieser Flut an mehr oder weniger Denglischen Beschreibungen was aussuchen muss.
    Und dann ist ja auch immer der Druck da – zumindest bei mir – die PERFEKTE Entscheidung zu treffen. Aber was ist das überhaupt: Ist eine Entshceidung je perfekt oder die richtige?

    Gefällt 2 Personen

    1. I feel you! klingt echt bisschen gruselig. Anstrengend… ich hatte damals nach nem kollektiven Schulbesuch beim Arbeitsamt 6 oder mehr mögliche Studiengänge in meiner engeren Auswahl, querbeet thematisch, und mir kamen immer noch mehr Ideen. Ich würde nicht zu „kompliziert“ denken und auch auf das Bauchgefühl hören. Also so in die Richtung, was einem eh schon immer spaß macht/ gut liegt/ ein Hobby ist/ das Lieblingsschulfach etc. Eine Entscheidung kann nur für den Moment perfekt oder richtig sein, glaube ich. Was sich jetzt richtig anfühlt, ist auch richtig. Was dann in ein paar Jahren ist, weiß man nicht, man kann einfach nicht jede Eventualität miteinbeziehen. Ich drück dir die Daumen, dass du was findest, das zu dir passt!

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  2. Du schreibst immer wieder total interessante Texte. Diesen hier habe ich heute sogar verlesen!!! Ich finde mich sehr darinnen wieder.

    So schräg das jetzt klingen und mich mancher dafür ansehen mag:

    Ich kenne ja noch eine Zeit, in der es ein bisschen Mangel gab. (Beziehe das jetzt mal auf Lebensmittel), denn ich bin ja noch ein Kind der DDR. Klar gab es da Manches nicht, einiges auch fast nie. Aber dieses einen schwindelig machende Überangebot gab es eben auch nicht. Und das empfinde ich im Nachhinen noch mehr als früher als wohltuend. Ich BRAUCH‘ keine 10 verschiedenen Ketchups im Regal.

    Eine gewisse, überschaubare Auswahl würde auf jeden Fall genügen – einige Leute müssen ja schon ein bisschen aufs Geld scheuen, haben nicht so viel zur Verfügung.

    Sehr wichtig (und schön, dass Du das so aufgegriffen und differenziert hast) finde ich Deine Gedanken dazu, dass wir ins immer weniger an etwas festzuhalten vermögen.

    Das halte ich richtig für fatal …

    Also: Mir hat Dein Eintrag sehr gefallen, liebe Arunika!

    Freundliche und liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank! Ja, an die DDR-Zeit habe ich bei dem Beitrag auch gedacht. Ich habe das natürlich nicht erlebt, aber schon viel dazu gelesen und manche Menschen sind ja durchaus nostalgisch und meinen, dass sie Dinge mehr schätzen konnten damals, wenn sie denn mal zur Verfügung standen. Ich denke auch, eine gewisse Auswahl ist toll und vorteilhaft, aber eine Überflutung kann wirklich überfordern und eher unzufrieden machen. Ohne undankbar sein zu wollen, einfach psychisch gesehen. Liebe Grüße zurück!

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  3. Die Vielfalt führt zur Einfalt! Oder: die Entsublimierung durch die repressive Toleranz der Gesellschaft zeigt ihre späte Wirkung. Aber Spaß beiseite: da haben sich ganze Horden von Marketingfuzzis ausgedacht wie sie im Rahmen der kapitalistischen Wertschöpfung durch endlose Produktdiversifizierung Menschen dazu bringen können anstatt ein Deo zehn Deos im Schrank stehen zu haben und der allgemeine homo sapiens beginnt sich zu wehren, indem er aktiven Konsumverzicht betreibt. Ich finde deinen Artikel interessant und gut geschrieben. Es geht vielen so wie dir und es bricht ein Zeitgeist an, der sich gegen brachialen Massenkonsum wendet und wenn ihr Jüngeren das im ersten viertel eures Lebens begreift und andere Wege geht (und viele gehen andere Wege) besteht noch Hoffnung auf Besserung.

    Gefällt 1 Person

    1. Dankeschön! Ja, ich denke bewusstes Konsumieren und sich nicht von Werbung und dem Gefühl Befriedigung kaufen zu können, auffressen zu lassen, ist wichtig. Minimalismus finde ich schon länger spannend und versuche da auch immer mehr reinzukommen.

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