Introvertiert oder schüchtern?

Introversion wird häufig mit Schüchternheit gleichgesetzt. Abwechselnd wird einem als stiller, zurückhaltender Mensch diagnostiziert, dass man schüchtern oder eben introvertiert sei.

Lächel doch mal, ist alles ok?

 

Introvertiert ist nicht gleich Schüchtern. Auch wenn sich beides in dieser schnellen, lauten, selbstbehauptenden Welt manchmal wie eine Krankheit anfühlt, die man irgendwie loswerden muss.

Schüchternheit hat mit sozialer Angst zu tun. Man möchte gerne, traut sich aber nicht, weil man das Urteil anderer Menschen scheut. Du möchtest gerne jemanden ansprechen, im Plenum eine Frage stellen, würdest eigentlich auch mal deine Meinung äußern wollen, dich einbringen. Du kannst aber nicht, du hast Angst davor, dich dumm anzustellen, dich zu verhaspeln, seltsam beäugt zu werden.

Schüchtern sein kann zur extremen Belastung werden. Ich habe früher wirklich darüber nachgedacht, wie ich mich an der Supermarktkasse verhalte, wenn ich mit Bezahlen an der Reihe war, mich hat eine solche Situation bereits nervös gemacht. Busfahren war mir unangenehm, wegen des Ticketkaufs beim Fahrer. Telefonieren war der blanke Horror.

 

Introversion hat weniger etwas mit Ängsten zu tun, es ist eine Wesenseigenschaft. Wobei kein Mensch nur Extrovertiert oder nur Introvertiert ist, die meisten jedoch zu einer Seite neigen.

Introvertiert sein heißt, einen starken Fokus nach Innen, in und zu sich selbst zu besitzen. Soziale Interaktionen werden schnell als anstrengend empfunden und ein introvertierter Mensch braucht viel Zeit für und mit sich alleine, um zu reflektieren und Energie zu tanken. Riesige Partys, große Gruppen an Leuten und oberflächlicher Smalltalk sind für eine introvertierte Person meist lästig. Sie hat lieber weniger, dafür aber tiefgehende Gespräche mit bekannten Personen, als sich jedem Fremden im Raum vorzustellen. Die  Vorstellungs- und Gedankenwelt ist oft sehr reichhaltig, woraus kreativ geschöpft werden kann.

Beobachten, anstatt im Mittelpunkt stehen, zuhören, anstatt ständig reinrufen.

Batterien aufladen geht nur alleine, im Gespräch mit sich selbst, in Stille und Reflektion. Eine zu fordernde Freizeit ist kein Spaß, sondern Stress. Energie wird mit sich alleine getankt. Dies alles ist bei extrovertierten Menschen eher andersherum.

Unsere Gesellschaft feiert die lauten, die Klassenclowns, die die sich eindrucksstark behaupten, in den Mittelpunkt stellen, die die sich gut verkaufen können. Stille Wasser sind tief, werden aber schnell vergessen und übergangen. Trotzdem ist Inroversion keine Schwäche, im Gegenteil. Ich empfinde es als sehr angenehm, nicht davon abhängig zu sein, dass mich ständig jemand bespaßt, dass irgendwas geht, dass ich nicht gelangweilt bin. Ich langweile mich nicht alleine mit mir selbst.

Und auch beruflich muss in sich gekehrt sein kein lästiger Hautausschlag sein. Vielleicht musst du nicht unbedingt Animateur auf Malle oder Versicherungsvertreter mit der Notwendigkeit der Kaltaquise werden. In anderen Jobsituationen wird deine reflektierte, kreative Art, und Genauigkeit geschätzt werden. Du musst nur selbst die Vorteile erkennen und dir nicht einreden, du müsstest anders sein.

Ich setze mich entspannt ins Taxi und lasse meinen Freund mit dem Taxifahrer Smalltalken, während ich aus dem Fenster sehe. Früher hätte ich mich unter Druck gesetzt und gefragt, warum ich denn nun nicht in dieser und jener Gruppe dabei bin und mitrede. Ich dachte oft, dass ich nicht gemocht werde, dass man mich nicht dabei haben will. Obwohl, wenn ich ehrlich zu mir selbst gewesen wäre, es viel mehr so war, dass ich selbst nicht dabei sein wollte.

Ich muss nicht überall reingrätschen. Ich bin nicht komisch, wenn ich das gar nicht will. Bildet sich ein Grüppchen bei einem x-beliebigen Job, mit Leuten, die ich eh nie wieder sehe, habe ich mehr davon, mein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen, anstatt zu versuchen, meinen Nebenmann zu übertönen und Sinnloses mitzureden.

 

 

 

8 Kommentare

  1. Langsam wiederhole ich mich: Auch heute wieder hat mir Deine Art zu schreiben sehr gefallen, obwohl es wieder eine andere Facette hatte, was sicher auch immer ein bisschen mit dem jeweiligen Thema zu tun hat.

    Ich habe mich heute inhaltlich sehr in Deinem Text, Deinen Gedanken wiedergefunden. Natürlich hast Du nicht mich reflektiert und nicht mich beschrieben, aber vieles „passt“ ganz einfach völlig. – Die von Dir gezeigte Sicht auf Introvertiertheit und den möglichen eigenen Umgang damit, ist für mich zudem wirklich wertvoll.

    Abermals Dankeschön und viele liebe Grüße an Dich!

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  2. Den Spruch „Stille Wasser sind tief“ musste und muss ich mir auch immer und immer wieder anhören, und es gibt so gut wie keinen Spruch bzw. Floskel, den/die ich schlimmer finde. Ich überlege seit Ewigkeiten, wie man da gescheit drauf kontert. Und ja, wirklich schade, dass man eben schon in der Schule quasi lernt, dass es besser ist, irgendetwas zu sagen als nichts zu sagen und dass man sich eben bestmöglich verkaufen muss. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich in der Schulzeit zu hören bekam, am besten begleite von mitleidigen Blicken, dass es ja so schade wäre, dass ich nichts sage – ich „stilles Pflänzchen“. Mittlerweile steh ich da drüber, aber früher dachte ich dann selbst, dass mit mir was nicht stimmt und ich eben „falsch“ bin, weil ich mich nicht einbringe; die Erfahrung, dass das in regelrechten Selbsthass umschlagen kann, habe ich auch durch. Schade einfach, dass das Schulsystem da so veraltet ist und man dort gerade nicht mitbekommt, dass sowohl Extrovertiertheit als auch Introvertiertheit ganz normal und gleichermaßen gut ist.
    Schön geschrieben übrigens ☺

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    1. Danke! Ja, die erfahrungen habe ich auch gemacht. Wirklich ätzend. Dass es auch noch Noten dafür gibt, ob man sich oft meldet, oder nicht, finde ich auch übel. Manche trauen sich einfach nicht, obwohl sie was wissen. Viel zu einfach gedacht, das System.

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  3. Wahrscheinlich sind 90 Prozent der Blogger introvertiert – sonst könnten sie sich wohl kaum über einen längeren Zeitraum intensiv in Form von Texten jegweder Art mit sich selbst auseinandersetzen… 🙂 Dachte ich mir eben so.
    Ich kann dir den „16 Personalities Test“ sehr ans Herz legen, beschäftigt sich unter anderem auch mit Extro- und Introvertiertsein. Ich finde diese psychologische Theorie super interessant und das EInordnen in verschiedene Typen öffnet einem, meiner meinung nach, total viele Augen über die Handlungsweisen der verschiedenen Menschen um einen herum 🙂

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  4. Toller Beitrag, sehr schön geschrieben.

    Leider wird in unserer Gesellschaft Extrovertiertheit oft als „Standard“ angesehen, wahrscheinlich aufgrund diverser Selbsthilfebüchern und Bewerbungsratgebern.

    Introvertierte (immerhin die Hälfte der Bevölkerung) haben aber ganz andere Stärken als Extrovertierte und können in vielen Situationen oder Berufen den Extrovertierten überlegen sein.

    Schön, dass das mal klar gestellt wird.

    LG Daniel.

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