Geschichten, die überdauern

Ich denke gerne zurück, manchmal.

 

Als wäre es gestern gewesen, sehe ich dich aus der Straßenbahn steigen, es liegt Schnee, es ist kalt. Ein Samstagmorgen ist nicht für Vorlesungen gedacht. Du siehst mich ebenfalls ein paar Türen hinter dir aussteigen, überlegst kurz, bleibst stehen und wartest auf mich. Warum hab ich dem so viel Bedeutung beigemessen?

 

Ich schwelge in Erinnerungen. Grabe, gehe zurück, nochmal die Schlüsselmomente durchleben. Was, wenn ich anders entschieden hätte? Wäre jetzt alles anders, oder spielt dieser eine Augenblick eigentlich gar keine Rolle?

 

Es ist warm, auch noch am späten Abend. Wir sitzen zu dritt zusammen, trinken eine Flasche Ouzo. Mit jedem Schluck wird es widerlicher, aber das ist uns egal. Wir lachen, bis wir nichtmehr können. Die Nacht ist jung, denken wir zumindest, nichts kommt an uns heran, nichts kann uns trennen.

 

Ich bekomme Angst, wenn ich zurückdenken, wenn mir plötzlich ein leichter Moment einfällt, ein Lacher, ein Witz, den nur wir verstanden haben, eine Begegnung, eine Unterhaltung. Weil alles immer blasser wird, weil ich jetzt schon so, so viel vergessen habe, weil ich weiß, dass so viel Wertvolles passiert ist, in meinem Kopf ist, aber ich auf immer weniger zugreifen kann. Eine Festplatte, die über die Jahre Daten versenkt, für immer löscht.

Ich würde gerne alles archivieren können. Ich habe so viel gelacht, so viel geweint, gelebt, getrunken, geliebt, verdammt. Alles, jede Sekunde, und sei sie in dem Moment noch so unbedeutend gewesen, hat zu dem beigetragen, was ich heute ICH nenne. Es kommt mir fürchterlich vor, dass ich mein Fundament nach und nach vergesse, dass immer mehr verschwimmt. Wie kann ich so noch nachvollziehen, reflektieren, Schlüsse ziehen?

 

Ich will nicht vergessen.

 

Europameisterschaft. Wir sind beim Public Viewing. Aperol Spritz und Weißweinschorle, wer hätte da keinen Spaß? Irgendwann sehe ich dich, sehe, dass du mich ansiehst, die ganze Zeit. Noch ein Glas Wein später bin ich mutig, gehe zu dir rüber, spreche dich an. Ich hätte es mir sparen können, hätte mir dich ersparen können. Hätte das etwas geändert?

 

quarterlife.blog_erinnerungen

 

Was ich habe ist jetzt. Aber ganz loslassen kann ich nicht, weder die Vergangenheit, noch die Spekulation über die Zukunft. Letzteres ist immerhin noch beeinflussbar, macht noch Sinn.

Brauche ich meine Vergangenheit, um im Jetzt richtig, voll leben zu können? Was, wenn ich loslasse, und immer mehr verliere, mich verliere? Aus was schöpfe ich, wenn nicht aus den Minuten, Stunden, Tagen, die ich schon durchlebt habe? Wie kann ich künftig alles besser machen, wenn ich nach und nach die Vergangenheit nicht mehr greifen kann?

 

Das macht mir Angst.

 

Ich war so glücklich, so unbeschwert, so voller Hoffnung, wie niemals zuvor und niemals danach. Und auch wenn alles nur Trug und Schein war, wenn etwas, das 10.000 km von zuhause entfernt geschieht, keine Bedeutung hat, hat mein Glück doch Gewicht. Auch wenn es kurz und niemals tragfähig war, war mein Glück doch gut für mich.

Kann Glück jemals schlecht sein?

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Nein, ich glaube nicht, das Glück schlecht sein kann.

    Was Du erlebt hast, liebe Arunika, wird immer Dein Fundament bleiben, auch wenn nach und nach Erinnerungen verblassen. Du bist DU geworden durch das, was Dich geprägt hat. Durch die glücklichen Momente, auch durch die schwereren. Und Du wirst noch mehr und noch weiter DU werden, durch Dinge, durch Menschen, durch Ereignisse, von denen Du heute noch nichts weißt.

    Deshalb wirst Du auch künftig Dinge anders und besser machen als heute – es wird immer Vergangenheit geben, die Du noch greifen kannst, jüngere Vergangenheit. Und die andere, die Dir mehr und mehr zuz entrinnen scheint, ist eben längst das DU geworden, dass Du gerade bist. Also keineswegs verloren. Nur, weil man sich an bestimmte Dinge nicht mehr oder nicht mehr so genau zu erinnern vermag, sind sie deshalb doch nicht verloren. Sie sind allerhöchstens ein bisschen „zugedeckt“.

    Keine Therapie würde Sinn machen, wenn das nicht so wäre. Wie viele Therapien decken solche zugedeckten Dinge wieder auf? Und wie schön ist es,. wenn das dem Betreffenden letztlich Hilfe ist.

    Du wirst Dich nicht mehr verlieren, weil nichts, was Du erlebt, durchgestanden, bewirkt hast, verloren ist.

    Hab‘ keine Angst!

    Ich lasse Dir viele freundliche und liebe Grüße hier und wünsche Dir, wo Dich heute so tiefgehende Gedanken beschäftigt haben, eine besonders traumschöne Nacht.

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