Reisen macht mich fertig

Ich schiele aufs Handy, kurz. Mit jedem Blick nach unten wird mir noch ein bisschen übler. 11 Stunden sind vergangen, seitdem ich in dieses Auto gestiegen bin. 11 Stunden und wir sind immer noch nicht da. Mein Rücken tut weh, ich finde keine bequeme Sitzposition mehr. Ich strecke, verrenke mich so gut es geht. Nutzt auch nichts. Mir ist schlecht vom Anfahren, Bremsen, Kurven fahren. Ich bin total platt, obwohl ich den ganzen Tag nichts getan hab, außer da zu sitzen und zu warten. Die Zeit abzuwarten, rum zu bringen. Tote Stunden, gefüllt mit nichts. Nichts außer dem Warten darauf, dass sie vergehen.

Nach einer weiteren schnellen Kurve, kotzt der Hund ins Auto. Ich bete, dass wir gleich da sind.

So oft schon hab ich die Republik durchquert, von Norden Nach Süden. Von Nordosten nach Südwesten. Seit 6 Jahren mache ich das regelmäßig, mit dem Bus, der Bahn, dem Auto. Was halt am günstigsten ist.

Und gefühlt wird es von mal zu mal schlimmer, oder ich werde von mal zu mal wehleidiger.

Die Bewegungslosigkeit, das Abwarten, nichts tun, aus dem Fenster schauen, Rückenschmerzen bekommen. Der Hunger, der sich irgendwann einstellt und immer nagender wird, weil ich wieder nichts zu Essen mitgenommen hab. Die Müdigkeit, die volle Blase, die Übelkeit. Das macht mir immer mehr anstatt weniger aus.

Ich schwelge in Gedanken, überlege, ob ich bequem geworden bin oder der Vorgang an sich faktisch wirklich anstrengender.Die Mühe war es mir immer Wert. Mit 20 war ich das erste Mal alleine unterwegs. 8 Stunden nach New York. Dann 10 Stunden nach  Kapstadt, 12 nach Brasilien, Mexiko, Miami, schließlich Australien dieses Jahr. 35 Stunden nach Australien. Horror.

 

Aber mir war es das immer wert. Das Fahren zum Flughafen, das Warten am Flughafen, Verspätungen, der Flug, an der Zieldestination stehen, keine Ahnung haben, wie ich weiter komme. Weiter, immer weiter, bis man endlich angekommen ist.

 

8 Stunden vor Abflug in Brooklyn von meinem Hostel los. Sicherheitshalber. Zum JFK gefahren, mich verfahren. Angekommen, keine Ahnung gehabt, wo mein Check in ist und wie ich da hin komme. Ewig gesucht, mit einem halben Nervenzusammenbruch dann doch noch gefunden.

 

In Portugal rechtzeitig an den Flughafen gefahren worden. Dort merken, dass ich meinen Geldbeutel im Auto liegen lassen haben muss. Den Fahrer zurückbeordern, was gerade noch rechtzeitig klappt.

Von Madrid nach Mexiko neben einem sehr voluminösen Mann sitzen, der meinen Sitzplatz noch halb mit besetzt.

In Johannesburg ankommen und blauäugig zu Fuß in die Pampa loslaufen, bis ich von einer Gruppe Männern angesprochen werde, was ich denn da mache, dass es gefährlich ist, hier alleine herumzulaufen, dass einer mich wieder mit in die Stadt nimmt. Mit Todesangst einsteigen und hoffen, lebend wieder rausgelassen zu werden, was zum Glück auch passiert.

In Sao Paulo am Busbahnhof von Schalter zu Schalter gehen, weil ich keinen verstehe, weil mich keiner versteht. Fast zu heulen, weil ich doch einfach nur ein Busticket zurück in meine Studienstadt will.

 

All die Stories kann ich mir immer wieder vors geistige Auge holen, erzählen, darüber im nachhinein lachen. Es sind Schätze, die mir keiner mehr nehmen kann.

Ich, mein ich im Jetzt, bewundere mich. Mich damals. Für den Mut, für das absolute, uneingeschränkte JA zum Abenteuer, zum Neuen, zum Entdecken. Koste es was es wolle, es war mir jede Anstrengung wert, ich wollte einfach nur die Welt sehen. Ich war in den günstigsten Hostels, 10 Bett, 12 Bett, und noch mehr. Dreckig, heruntergekommen. Egal, hauptsache ich komme rum.

 

Ich hätte, ich hab alles auf mich genommen. Ohne jegliche Angst und vorallem ohne Bequemlichkeit.

 

Genau das ist es. Unbequem war völlig ok für mich. Und das ist es jetzt nicht mehr, nicht mehr so uneingeschränkt. Ich jammere schon auf einer Fahrt durch Deutschland vor mich hin. Denke mir, dass ich das nächste Mal fliegen muss. Ist mir zu anstrengend.

Würde ich nochmal alleine nach Brasilien? Ohne die Sprache richtig zu können, ohne zu wissen, wie ich von A nach B komme? Ohne richtigen Plan, mir 3 Monate ein Zimmer teilen?

Ich glaube nicht.

Ist es das Alter? Bin ich mit 25 schon fauler, bequemer, als mit 20? Oder ist es die Erfahrung? Wird man durch die Häufigkeit sensibler den Umständen gegenüber? Oder durch das Wissen, dass man gewisse Dinge einfach gemacht, gesehen, abgehakt, durchgemacht hat? Das nicht wieder machen muss, weil man es schon erlebt hat?

Reisen will ich immer noch. Unbedingt. Der nächste Trip ist schon gebucht. Tel Aviv. Allerdings fliegt man dort nur 4 Stunden hin und das kommt mir nicht ungelegen.

 

 

 

1 Kommentar

  1. Mit +/- 25 sind wir zu zweit (Freund oder Freundin) mit einem Zugvogel (offene Segeljolle) durch Friesland, Gelderland, Mecklenburg oder sonst wo gesegelt, mit Luftmatratzen neben dem Schwertkasten, 70cm breit, eng und nur Persenning, wenn überhaupt über dem Kopf. 2 Wochen lang, jeweils, spartanisch ohne Ende. Kleiner Gaskocher, Wasserkanister, ohne Kühlschrank. 😊 Heute ist ein 11 Meter Boot mit 3 Kabinen schon recht eng. 🙈 Und Du bist noch sooo jung… 😎😊🙋

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