Kritiker können gehen

Wer kann eigentlich mit Kritik gut umgehen? Mal ehrlich…niemand, oder?

Sei es zu einer großen Entscheidung, einer Aktion, einer Nicht-Aktion. Die eigene Arbeit, inhaltlich oder technisch. Das Leben, der Lifestyle.

Es gibt die Sage der konstruktiven Kritik, die berechtigt und okay ist. Daneben die unkonstruktive. Klar, Beleidigungen, offensichtliche Provokation, Aussagen, mit denen man so gar nichts anfangen kann.

 

Du bist dumm

Du bist hässlich

Ich mag das ja gar nicht

Das ist unverantwortlich

 

Das muss man sich nicht geben, bringt keinem etwas.

Konstruktive Kritik. Damit meinen die meisten, Kritik mit inhaltlicher Aussagen und in halbwegs angemessener Form.

 

Ich finde, du solltest weniger Cola trinken und Chips essen, weil es ungesund ist

Deine Texte könnten etwas lustiger sein, du schreibst meistens zu ernst

Ich hätte mich nicht tätowieren lassen, das mindert deine Jobchancen

 

Menschen neigen generell dazu, zu bewerten, wenn sie etwas sehen, hören, schmecken, riechen. Ein neuer Impuls von außen, der zu irgendjemand, irgendwas gehört.

Das kann man im Kopf oder verbal. Wenn eine Person in der U-Bahn komisch riecht oder laut Musik anmacht, haben die wenigsten den Mut oder die Muße, etwas zu sagen. Geht einen ja auch eigentlich nichts an, einfach schnell weg hier.

Anders wenn wir direkt adressiert werden. Wir kennen jemanden, mehr oder weniger gut, der uns etwas zeigt, erzählt, erwähnt, uns an seinem Leben teilhaben lässt.

Sobald uns die Neuheit präsentiert wird, formen wir uns eine Meinung dazu. Aber wann ist es wirklich konstruktiv, diese auszusprechen? Ist eine Erzählung automatisch eine Einladung, das Erzählte zu bewerten?


Internet hat Sonderstellung. Weil anonym, ohne Konsequenzen, Druck und schlechte Laune abbauen also möglich. Jeder kriegt alles an den Kopf geworfen. Kein Angesicht zu Angesicht macht es uns sehr leicht, wildfremde Menschen dafür zu kritisieren, was sie frühstücken und wie sie ihre Kinder erziehen. Barrierefreiheit für Kritik ist das quasi. Keiner hat Scheu, keiner muss ein Blatt vor den Mund nehmen. Nicht, dass das gut wäre. Aber reale Zurückhaltmechanismen funktionieren da nicht.

 

Somit zurück zum echten Leben. Lehrer, Ausbilder, Chefs und Vorgesetzte kritisieren. Ist ihr Job, ist an sich erstmal völlig angemessen. Wir gehen die Beziehung – zum in dem Verhältnis über uns Gestellten – ein, um aus seiner Kritik zu lernen, wir willigen zur Kritik ein.

Dennoch, das Aber: Es befreit den Kritiker nicht davon, sich um einen angemessenen Ton, um eine annehmbare Form zu bemühen.

 

Das ist es nämlich. Der Ton macht die Musik. Man kann nicht jedem alles sagen, wenn man es nur hübsch genug verpackt hat, wenn man es nett umschreibt, um höflich zu bleiben. Das will ich damit nicht sagen.

Aber selbst in einem Verhältnis, in dem Kritik ausdrücklich erwünscht ist, ist es absolut von Nöten, diese äußerst bruchsicher zu verpacken, damit sie ankommt.

Mit einem “war scheiße, mach doch mal die Augen auf, du Idiot!” wird der Chef nicht weit kommen. Vielleicht hat der Lehrling Angst, entschuldigt sich, macht, wie geheißen. Aber der Respekt dieser Person gegenüber sinkt mit jedem schiefen Ton. Es erfolgt kein positives Lernen, sondern eine anti-Haltung, die immer mehr genährt wird.

Zumal der dumm angemachte sich eine Kritik, die so aussieht, auch nicht geben muss. Daraus muss man nichts mitnehmen, auch wenn man vielleicht etwas falsch gemacht hat.

Ein schlechter Ton nimmt den Anspruch auf Gehör auf der anderen Seite, finde ich.

 

Zurück zur Kritik auf der Straße. Von Freunden, Bekannten, Verwandten, Fans, Nachbarn, Mitschülern, Kommilitonen, Eltern, Cousins 5. Grades. Wann ist diese konstruktiv?

Konstruktiv würde ja bedeuten, sie kommt an, kann angenommen, reflektiert, überdacht und vielleicht sogar umgesetzt werden. Auch hier als erstes der Ton. Wenn es geht, sag es nett. Je näher man sich steht, desto eher wird man Kritik (aus heiterem Himmel) annehmen. Vom Partner, vielleicht von den Eltern oder sehr engen Freunden. Kommt immer auf die schwere des kritisierten Inhalts an; “Räum mal bitte deine Teller weg, es nervt, wenn die rumstehen / ich find’s blöd, dass du deinen Job einfach kündigst, jetzt hast du wieder kein Geld.” Beim ersten wird man noch einlenken, vielleicht, mein Gott, der andere hat ja recht, die verdammten Teller. Was Lebensentscheidungen anbelangt, sind wir empfindlicher Kritik gegenüber.

 

Die goldene, unterschätzte und zu selten angewendete Weg ist meiner Meinung nach: Den Mund halten, bis man nach Kritik gefragt wird.

Ja, wenn es einen selbst betrifft (die Teller o.Ä.) muss man auch so Kritik äußern dürfen. Wenn man lediglich seinen Senf zum Leben der Anderen abgeben will, sollte man erwägen, es einfach mal zu lassen, wenn man nicht darum gebeten wurde.

Denn das, was Kritik so richtig konstruktiv, nachhaltig, sinnvoll und annehmbar macht, ist wenn danach gefragt wurde. Wenn ich deine Meinung wissen will, werde ich sie mir wahrscheinlich auch durch den Kopf gehen lassen.

 

 

 

1 Kommentar

  1. Guten Morgen Fräulein Vierteljahrhundert,

    da Du ja diesen Text tatsächlich veröffentlicht hast und die Kommentarfunktion nicht deaktiviert hast nehme ich Deinen letzten Part nicht als Aufforderung zum Abwarten, bis Du fragst. 😊
    Einige sehr interessante Aspekte beschreibst Du in Deinem Text, nicht auf jeden möchte ich eingehen, das würde den Rahmen des Kommentars sprengen. Kritik ist (für mich) ein sehr wichtiger Teil des Lebens, war es immer schon. Umgehen, bilde ich mir ein, kann ich damit meist gut, auch wenn sie mich manchmal mehr trifft, als ich zugeben möchte. Ich bin ja doppelt so alt, wie Du, habe etwas mehr erlebt im Leben und einige Menschen als Kritiker erlebt, vermutlich all jene, die Du erwähnt hast. Freunde haben bis heute sehr nachhaltige Kritiken hinterlassen, sie sind sozusagen eingebrannt in meine Erinnerungen. Besonders die im Nachhinein gerechtfertigten Worte sind mir auch nach 25 Jahren präsent. Kritik von Eltern teilweise noch, da gab es vermutlich zu viel derer, klar, sie erzogen mich ja auch. Von Vorgesetzten habe ich die meisten Inhalte vergessen, aber die Art und Weise, wie sie manche vortrugen, ist mir bewusst, als wäre es gestern gewesen. Und das habe ich beherzigt, im positiven wie im negativen Sinne. Die Zeiten, in denen ich Vorgesetzter war (oder jetzt noch bin) waren davon geprägt, und ich konnte das verhindern, was ich selber als ungerecht und unpassende Art an mir erfahren habe. Passt. Eine sehr schöne Art der Kritik ist die Fragestellung (für mich) gewesen: Die zu kritisierende Person kann man fragen: Höre mal bitte, ich habe ein Problem, was würdest du mir empfehlen soll ich tun, wenn ein Mitarbeiter sich „so und so“ verhält, (Dinge noch nicht optimal handhabt), wie solle man ihn dazu bewegen? Da beginnen die meisten Menschen zu reflektieren, auch bezogen auf sich selbst. Klappte ganz oft wunderbar und war wie eine Selbsterkenntnis.
    Habe ich anwenden können, weil es einer meiner Chefs mit mir so machte. Ich dachte irgendwann, mensch, der könnte auch mich meinen, und ich konnte mich verbessern. 😊

    Manchmal im Leben wünschte ich mir mehr Kritik erhalten zu haben, denke ich im Nachhinein, manche Kritik war echt hart aber ungemein hilfreich. So, wie eine Lichtung auf einem Hügel nach einer Wanderung im tiefsten Dickicht.

    Also, kritisiert genug und mich mal über Deine letzte Anmerkung hinweggesetzt. Typisch Internet, da kann man einfach was sagen. Würde ich aber auch im realen Leben, wenn Du Deinen Text mündlich vorgetragen hättest. Das würde man dann Diskussionskultur nennen, das mehr und mehr verloren zu gehen scheint im Zeitalter von Social Media und der Mediennutzung.

    Freundliche Grüße 🙋
    Olaf

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