Ich hasse Berlin

Es ist nach 22 Uhr, als ich losgehe, die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen, den Schal bis zur Nase. Die Kälte dringt trotzdem von jeder Seite ein, flirrt durch den Mantel, den Schal, die Socken. Ich gehe schnell an den Bars und Restaurants vorbei, ich will nur heim. Die Stadt schwimmt im Fluss, die Menschen sind ausgelassen hier, manche immer, irgendeiner immer. Ich blicke hinauf zu den Schienen, ein Zug fährt ein, ich bete, dass es nicht meiner ist. Es ist meiner. Ich komme immer eine Minute zu spät. Ich warte an den Gleisen, gehe auf und ab, schüttle meine Beine. Eine Stunde nach Hause, das ist eben so. Ein Zug kommt, nicht meiner. Ich nehm ihn trotzdem, steige nochmal um. Warte wieder. Irgendwer wartet immer mit, guckt, redet zu laut. Nie, nie alleine. Ich bin jetzt im richtigen Zug. Er fährt 12 Minuten. Ich steige aus. Jetzt noch 12 Minuten zu Fuß, dann bin ich Zuhause.


Ich hasse dich dafür, dass du so ekelhaft voll bist, so laut, so unglaublich aufdringlich. Gott, wie hasse ich deine temperamentvollen Touristen, die mir in der Bahn im Weg rumstehen, die denken, sie lernen dich im Matrix, am Brandenburger Tor oder in der Friedrichstraße kennen. Mit ihren Stadtplänen und keiner Ahnung, wo sie aussteigen müssen. Am meisten hasse ich all die Schulklassen, die dich zum lebensgroßen Geschichtsunterricht missbrauchen und dich so, so aufregend finden. Genau wie ich damals auch.

Ich hasse dich für deine Kälte, deine Arroganz, deine Abweisung. Wie lange muss man dich anbetteln, dir Honig um den Mund schmieren, bis du einen rein lässt, aufnimmst, bis du warm wirst. Du zeigst dich nicht gleich, du verführst und lässt dann stehen. Du bist eine harte Nuss. 


Der Hund wartet zuhause, mein Freund ist in einer Bar in Kreuzberg. Ich bin auf dem Weg zu ihm, wir fahren zusammen mit dem Auto heim. Ständig denke ich darüber nach, wie ich irgendwie auf dem schnellsten Weg nach Hause kommen kann, Herr Gott. Verschluckt bin ich. Ich fahre mit der U8 bis Schönleinstraße. Die U8 ist jenseits des Alexanderplatz eine Strafe. Ein verwirrtes Paar mit Koffern weiß nicht, ob sie aussteigen sollen oder nicht. Die Türen schließen sich knallhart, bevor ich die Chance habe einsteigen zu können. Ich fluche laut. Die nächste Bahn kommt. Ein Typ mit Kapuze und Sonnenbrille sitzt in der Ecke und lässt laut Techno Musik laufen. Ich werfe ihm böse Blicke zu. 

Ich steige Schönleinstraße aus. Der Bahnhof ist genau so widerlich, wie ich ihn in Erinnerung habe. Es stinkt so sehr nach Urin, dass ich die Luft anhalte. Leute liegen herum, Dinge liegen herum. 


Ich hasse deine Masse, deine Wege, in Gegenden, in die ich eigentlich gar nicht will, normalerweise auch nicht muss, aber heute eben schon, heute hab ich einen Termin ganz im Norden oder ganz im Westen. Ich hasse all die, die versuchen deine Magie in sich wiederzufinden, die die mir gröhlend nachts entgegentorkeln, die die meine Gedanken unterbrechen. Wie oft fällt eine  Bierflasche in der Bahn vor mir um.

Ich hasse deinen Winter, deine Eisigkeit. Du machst die Menschen grau, zu grauen Mäusen, die umherhuschen, sich nicht sehen. Unerbitterliches Frieren. Eine Obdachlose sitzt am Reichtagsufer, ihr Hund ist komplett in Decken gewickelt, nur die Schnauze guckt raus.

Einmal eingesaugt, kommt man so schnell nicht mehr los. Der Untergrund stinkt, ich werde angerempelt, ich remple an, wenn jemand dumm in der Gegend rumsteht. Es muss eben immer schnell gehen. Die Straßen verstopft, ein Auto ist keinen Deut schneller als die Bahn. Die Blechkisten schieben sich voran, meterweise.

ich-hasse-berlin

All die Suchenden, all die, die eh nicht finden. Ein Strom aus Hoffnung, einer aus  Resignation. Nur die besten lässt du gewinnen, der Rest bleibt Kaffeesatz, schwimmt dreckig unten umher.

Am meisten hasse ich, dass ich dich so liebe, schon immer, noch immer. Du bist eben du. Du bist nicht hübsch, nicht süß. Du bist du, so einzigartig und authentisch, wie nur möglich, mit all den Abgründen, all der Hässlichkeit. Wenn man dich verstanden hat, kann man dich nur lieben. Denn du bist echt, nicht gephotoshopt, nicht zurechtgemacht. Dreckig und echt, real, du hast alles, du zeigst alles, du kannst alles. Jeder kann alles machen, alles sein. Jeder will ein Teil sein, ein Teil von dir. Das hat seinen Preis. Du lächelst, du wirst immer noch attraktiver.

 

 

 

4 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s