Wie das Leben besser wird

Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin

Ich habe viel nachgedacht die letzten Tage. Bietet sich an so zwischen den Jahren und ich liebe es ja sowieso, zu reflektieren, Schlüsse und Erkenntnisse an Land zu ziehen, die ich dann begutachten kann, wie einen gefangenen Fisch. Ich kann so in meinem Kopf versinken, dass ich kaum mehr herausfinde. Das sind dann die Momente, in denen ich losgehen, um mein Handy zu suchen, obwohl ich es in der Hand halte, oder die Zahnseiderolle wegschmeiße, anstatt sie wieder an ihren Platz zu legen.

Ich war also mit dem Hund im Park, ziemlich alleine, keine nennenswerten anderen Hunde da, zu denen ich mich verhalten musste. Der Hund war von der Leine und ich habe mich gefragt, warum mein Leben jetzt so ist wie es ist, woran es liegt, dass es jetzt so viel besser ist als noch vor ein paar Jahren.

Vielleicht ist ein Grund einfach, dass ich älter geworden bin. Obwohl ich nicht weiß, ob da 5, 4 oder 3 Jahre lang genug sind, als dass sich automatisch die Wogen glätten. Vielleicht aber schon, in den Zwanzigern verändert man ja gerne alles alle 2 Wochen und es passiert einfach schnell viel, man ist gezwungen, schnell viel zu lernen und sich anzupassen und man macht es auch gerne.

Vielleicht gibt es auch noch andere Gründe.

Ich hatte in meiner Studentenwohnheimswohnung im 15. Stock in Dresden eine Pinnwand an der Wand über dem Schreibtisch hängen, daran ein paar kleine ausgedruckte Bilder von den bis dato größten Wünschen in meinem Leben gepinnt. Lebensträume. Ein, zwei Bilder habe ich davon noch, und ich glaube ich erinnere mich noch an alle.

Auf einem war der Berliner Fernsehturm abgebildet, der hinter einer Mauer vorragt. Auf der Mauer der Spruch „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin.“ Seitdem ich mit 15 Jahren zum ersten Mal in Berlin war, auf Klassenfahrt, wollte ich nach Berlin ziehen. Ich wusste, dass das meine Stadt ist, und bin leider knallhart am Numerus Clausus gescheitert. Also wurde es Dresden für’s Studium, und das war gut, aber ich wollte eben immer noch nach Berlin, unbedingt und im Laufe des Studiums immer dringender. Auch für den Master schien das unerreichbar, da NC immer noch zu weit von meinen Noten entfernt.

Ich habe mir nach dem Auslandssemester also ein Praktikum gesucht, 2 Monate Berlin. Ich hatte in der Zeit eine kühlschrankkalte Ein-Zimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg, im Hinterhof. Aldi war direkt nebenan, meistens bin ich abends beim Asiaten um die Ecke Essen gegangen, weil die Küche zu kalt war, um sich darin auf zu halten und zu kochen. Ich habe alle Möbel umgestellt, damit das Bett an der Heizung steht und ich nachts nicht erfriere. Und ich hab’s so geliebt. Ich bin anfangs, bevor das Praktikum angefangen hat, jeden Morgen aufgeregt aufgewacht, wie ein Kind an seinem Geburtstag, habe mir überlegt, was ich an diesem Tag unternehmen könnte, war einfach so voller Freude. Ich weiß noch genau, wie das war. Ich wusste, ich bin hier richtig und ich gehe auch nicht mehr. Es war dumm, zu diesem Zeitpunkt Dresden zu verlassen, das Studium war noch nicht fertig, ich saß 100 Mal im Flixbus zwischen Berlin und Dresden, weil das Kapitel eben noch nicht abgeschlossen war. Aber trotzdem war es genau das Richtige und ich hätte es nicht besser machen können.

Ein weiteres Bildchen an der Pinnwand war der Strand von Ipanema in Rio de Janeiro. Ich bin mit 11 Jahren aus unerfindlichen Gründen zum Brasilienfan mutiert, hatte eine Brasilien-Flagge, Bücher über Rio, Sprachkurse zum Selbstlernen (ich bin nicht sonderlich weit gekommen). Ich habe Brasilien zu meiner auserwählten Heimat erklärt, ohne jemals dort gewesen zu sein. Ich wusste einfach, dass es großartig war. Natürlich war mein Traum dementsprechend, ich wollte unbedingt dorthin. Es hat 11 Jahre bis zur Realisierung gedauert. Ich habe mich beim Akademischen Auslandsamt in Dresden nach Auslandssemestermöglichkeiten erkundigt, an einem schwarzen Brett hing ein Schrieb über Austauschplätze in Brasilien, das habe ich abfotografiert. In einer Vorlesung habe ich einem Kommilitonen davon erzählt, der meinte, ich solle mich doch bewerben. Ich habe über meine nicht vorhandenen Portugiesisch-Kenntnisse geklagt, er meinte, Ausreden seien Arschlöcher (nicht ausgedacht). Also habe ich mir 2 Bücher gekauft, mir in 6 Wochen Portugiesisch beigebracht und eine Woche Sprachkurs in Portugal dazugepackt. Dann eine Sprachprüfung an der Uni abgelegt, die mir ein B2 Niveau zertifiziert hat, was eigentlich völlig verrückt war, weil ich irgendwie mit Glück so gut in dieser Prüfung abgeschnitten habe. Ich habe mich für den Austauschplatz beworben und ihn bekommen. Ich war für ein Semester in Brasilien.

Ich hatte auch ein Bild an der Pinnwand von einer bestimmten Note, mit der ich mein Studium abschließen wollte. Habe ich nicht geschafft. Hat sich aber auch als irrelevant erwiesen. 2 Bildchen dazu, wie ich aussehen wollte. Das kommt mir wirklich lächerlich vor im Nachhinein. Total irrelevant, wie lange meine Haare sind und ob meine Haut absolut perfekt und makellos ist. Wird nie der Fall sein, ist ok so.

Ein Hund stand auch lange ganz oben auf der Liste. Ich wollte unbedingt einen Hund haben. Die Rasse wechselte von Zeit zu Zeit, der Wunsch an sich nicht. Ich wusste, dass es toll sein musste, einen Hund zu haben, trotz dem, was mir immer dazu gepredigt wurde, früh aufstehen und spazieren gehen, auch im Regen und Winter und Tierarztkosten und die Verantwortung. Ich habe mich lange nicht getraut, das war wahrscheinlich auch gut so. Letztlich war ich selbst völlig überrascht davon, mit einem Miniwelpen, der in meinen Schal gepinkelt hatte, in meiner WG anzukommen, einen Tag nachdem ich meinen damaligen Mitbewohner gefragt hatte, ob er generell mit Hunden OK wäre und ich mir eventuell Ende des Jahres (Es war Januar) einen anschaffen wollen würde. Da war er dann, der Hund, ich war von mir und meiner Aktion überrumpelt, etwas gestresst, aber überglücklich.  Und ich hatte recht, es ist genau so toll, wie ich es mir vorgestellt habe und es ist mir völlig egal, dass ich im Winter spazieren gehen muss und dass der Hund Geld kostet.

Alle großen Wünsche, die ich in den ersten beiden Jahrzehnten meines Lebens gefasst habe, alle die, die von Belang waren, habe ich mir erfüllt. Und ich glaube, es macht etwas mit einem, wenn man sich Lebensträume erfüllt. Es passiert etwas, es legt sich ein Schalter um, irgendwo entsteht eine neue Ebene. Da tut sich eine Zufriedenheit auf, eine Ruhe, die sich anders nicht herstellen lässt. Und das führt zu weiteren, unerwarteten Dingen, die groß und toll sind. Und vielleicht erfüllt sich immer mehr, wenn man ein mal damit anfangen hat. Ich glaube es ist wichtig, die Erfüllung seiner Träume zu priorisieren. Das Leben meint es dann ein bisschen besser mit einem.

 

 

 

6 Kommentare

  1. Das ist ja viel mehr als eine Jahresbilanz, das ist eine Quarterlifebilanz. Und sie liest sich prächtig! –

    Und es ist für mich ebenso beeindruckend, wie faszinierend, wie vieles Du als ein tiefsinniger, sensibler Mensch, der es sich wohl wahrlich nicht immer leicht gemacht hat und macht, so viel Entscheidungswillen aufbringen konntest und Mut zu Veränderungen. Und was für welchen!

    Ich habe davor wirklich großen Respekt, auch weil ich weiß, wie unglaublich schwer mir selbst genau das fällt.

    Das überdies Dich Dein Weg zu einer gewissen Zufriedenheit, zu einem „im Reinen sein“ mit Dir geführt hat, dass schenkt mir wirklich Freude. Ja, ich freue mich für Dich mit!

    Fürs kommende Jahr wünsche ich Dir sehr, dass Dein Weg weiter in der eingeschlagenen Richtung verläuft. Ich wünsche Dir Gesundheit, Glück, Erfolg und über allem Frieden. – Hab‘ morgen einen schönen, freudvollen Jahreswechsel, liebe Arunika!

    Liebe Grüße nach Berlin an Dich!

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    1. Vielen, vielen Dank! Du scheinst einen wirklich gut einschätzen zu können und es is sehr besonders, wenn man sich für andere freuen kann! Dir auch einen schönen Start ins neue Jahr und alles Gute weiterhin! Viele Grüße aus Berlin:)

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