Ich will gar nicht hübsch sein.

Ich war genau heute vor 4 Monaten das letzte Mal beim Friseur, meine ich. Ich wollte meinen Longbob, oder was das war, nachschneiden lassen. Bisschen kürzer als vorher vielleicht. Habe mir online einen Termin gebucht, für 19 Euro. Weil was kann schon schief gehen, bei ein paar Centimeter nachschneiden (alles). Ich wollte die Haare bis knapp unter’s Kinn und hab sie bis knapp über’s Kinn bekommen. Gerade ab, zack. Spätestens nach dem Föhnen war klar, dass das Ganze ungut ist. Ich sah aus wie Prinz Eisenherz. Ich hab sofort nachgerechnet, wie lange ich jetzt dumm aussehen werde. Meine Haare wachsen schnell, aber 3 Monate würde es mindestens dauern.

Ich dachte also die letzten Monate jedes Mal, wenn ich in den Spiegel geschaut hab „Naja“, „das sah auch schon mal besser aus“ oder auch „alter“.


Ich durchstöbere gerne alte Fotos auf meinem Handy oder Laptop, weil ich generell reflexionssüchtig und etwas sentimental bin. Ich scrolle also neulich durch Instagram und schaue mir die Bilder an, auf denen ich langes, wallendes Haar habe. Schöne, dicke, wellige Haare den Rücken hinunter.

Ich sah, ganz ehrlich, um einiges hübscher aus als jetzt, bzw. die letzten Monate, mit meinem seltsamen Prinzenmopp auf dem Kopf. Ich war vor einiger Zeit einfach hübscher und wenn ich so zurück denke, wurde ich sicher auch öfters von Männern angesprochen. Achtung, jetzt kommt’s aber: Es ist mir eigentlich scheiß egal.

Ja, es ist scheiße, wenn man in den Spiegel guckt, und sich selbst nicht mehr so richtig erkennt, es macht keinen Spaß, sich unwohl und unpassend zu fühlen. Aber Leute, mal ganz im Ernst: Man bzw. eher Frau muss nicht hübsch sein! Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Ich muss nicht hübsch sein.

Das klingt so völlig banal, und man denkt erstmal „haha, ja achwas“, aber wenn man das mal wirklich verinnerlicht, ist das eine enorme Befreiung. Es ist scheiß egal, ob ich jetzt ein halbes Jahr einfach mal ein bisschen seltsam aussehe. Es ist egal, auch wenn ich ab jetzt für immer seltsam aussehe. Es gibt absolut keine Pflicht, als Frau hübsch zu sein. Ich muss nicht zuhause hübsch sein, auf Arbeit, in der Schule, privat, im Club. Nie, ich muss einfach nie hübsch sein. Es gibt keine Pflicht dazu, anderen zu gefallen, positiv aufzufallen. Man kann auch ganz legitim scheiße aussehen. Ab und an oder immer. Es ist egal, es ist allen anderen egal und es darf einem selbst auch egal sein. Man kann richtig Spaß daran haben, scheiße auszusehen. Wie des Öfteren schon erwähnt, gehe ich öfters mit buntgemusterter Schlafanzughose mit dem Hund in den Park. Wenn es regnet, wickle ich mir meinen Schal um den Kopf. Mein Geschlecht ist dann nicht mehr identifizierbar, kein Mensch würde auf die Idee kommen, mich attraktiv zu finden. Geil ist das.

Ich habe nicht und werde auch nie heulen, weil ich eine dumme Frisur habe. JA UND?! Ich will nicht hübsch sein, ich muss es nicht. Es ist kein Zufall, dass hübsch wie Püppchen klingt. Bist du ein regloses Ding, das in der Ecke sitzt, um angesehen zu werden und zu gefallen? Nein? Na dann!

Es gibt so viele Frauen, die ständig fragen, ob irgendwas in ihrem Gesicht verschmiert ist, ob die Haare komisch liegen, ob sie fett aussehen. Frauen, die eine maskenbildnerreife Ausrüstung überall hin mitschleppen, um sich immer wieder aufhübschen zu können. Frauen, die im Winter lieber frieren, als hinter dicken Mänteln und Pullovern jegliche Konturen zu verlieren. Und ich mache mich nicht lustig, es tut mir weh! Ich kenne das alles selbst. Uns wird genau das ja auch non-stop vermittelt: dass es wichtig ist, sein Aussehen zu kontrollieren, dass wir hübsch und attraktiv sein müssen, immer.

Aber wir müssen überhaupt nichts. Es juckt kein Schwein, ob meine Mascara verschmiert ist (und wenn, dann hat er/sie/es Pech gehabt). Ich fühle mich nicht super wohl in riesigen, schlabbrigen Klamotten, aber mein Gott, ich werde sicher nicht frieren, nur um für irgendwen weiblich und hübsch auszusehen bei -7 Grad. Ich hab kein Make-up dabei, ich denk gar nicht dran. Dann seh ich eben am Ende des Tages fertig aus, bin ich ja auch. Warum soll ich nicht fertig aussehen, wenn ich fertig bin? Eben.

Keiner soll sich extra scheiße anrichten und sich dann noch wohl fühlen müssen. Das von sich zu erwarten und zu verlangen, ist keine Emanzipation, sondern Selbsthass. Ich schminke mich grundsätzlich gerne. Ich sehe gerne in den Spiegel und habe ein geschminktes Gesicht. Aber wenn ich in den Park, zu Kaufland, oder zum Sport gehe, muss ich mich nicht aus Prinzip herrichten, wenn ich eigentlich keinen Bock hab. Es. interessiert. keinen. Und mich selbst am wenigsten. Wenn mich jemand hässlich findet, wird er das tun, wenn ich perfekt frisiert und geschminkt bin und ebenso, wenn ich ungewaschen und zerzaust daherkomme.

Andersherum ebenso: Ich kann nicht kontrollieren, wie mich andere wahrnehmen. Wenn mich jemand schön findet, dann auch mit 3 Pickeln im Gesicht und hässlichem T-Shirt. Aber nochmal: Es muss mich niemand schön finden. Es ist auch voll okay, mein Äußeres gar nicht wahrzunehmen. Es juckt mich nicht. Wie ich aus deinen Augen heraus aussehe, ist ja nicht mein Problem.

Es nervt mich oft, wenn ich von anderen Frauen zu jedem Outfit, neuem paar Schuhe oder der Frisur einen Kommentar bekomme. Und ich meine auch, oder speziell, die netten Kommentare (es sagt ja auch niemand: hey, du siehst ja heute wieder scheiße aus). Lass mich bitte in Ruhe mit deiner Meinung über mein Aussehen. Ich sehe nicht für dich so aus, ich habe dich nicht gefragt, ob ich gerade hübsch aussehe, du musst mich nicht bewerten.

Du darfst scheiße aussehen. Es ist okay, du kannst trotzdem atmen und leben und Spaß haben und durch den Tag kommen. Lass los, lass gut sein. Mach dich schön, wenn du dich danach fühlst. Lass es sein, wenn du keine Lust hast. Es ist einfach so egal.

 

4 Kommentare

  1. Na ja, so ganz aufrichtig ist das nicht! Hinweise, dass Schönheit nicht wichtig ist, Komplimente von Männern eher total überflüssige Relikte aus der Steinzeit sind, und es eh nur auf die inneren Werte und Body- Positivity oder so ankommt,vernimmt man meistens aus den Mündern von attraktiven Frauen, die aufgrund ihres Aussehens überhaupt erst von der Umwelt wahrgenommen werden, und eine Wirkung mit ihren Aussagen erzielen.

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    1. Es geht nicht darum, dass das Aussehen komplett egal ist, das schreibe ich auch. Jeder fühlt sich unter bestimmten äußerlichen Bedingungen nicht mehr wohl, das ist normal. Ich will vielmehr sagen, dass wir aufhören dürfen, uns verrückt zu machen und uns ständig darauf zu reduzieren. Man kann sich potthässlich finden, auch wenn man nach gängigen Idealen als schön gilt, das „objektive Maß“ hat rein gar nichts zu sagen. Topmodels können die unsichersten Frauen der Welt sein.

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