Depression ist, wenn du raus bist.

depressionen sind nicht peinlich

Gibt es noch irgendwen da draußen, der nicht mindestens eine Person kennt, die unter Depressionen leidet? Im engeren oder weiteren Umfeld, in der Familie, im Freundeskreis. Oder man ist es selbst: Immer öfter höre ich in Gesprächen raus, dass andere wissen, wie das ist.

In Deutschland leiden laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe über 4 Millionen Menschen an Depressionen.

„2015 starben mehr Menschen durch Suizid (10.080) als durch Drogen (1.226), Verkehrsunfälle (3.578) und HIV (371) zusammen… Die Mehrheit der Suizide erfolgt vor dem Hintergrund einer unzureichend behandelten Depression. “ (Quelle: Deutsche Depressionshilfe)

Wie krass ist das bitte?

Die Zahlen sind enorm hoch, das Thema ist allgegenwärtig und verschwindet doch im Alltagsrauschen. Feminismus ist in, Nachhaltigkeit salonfähig, wir reden über Rechte für Minderheiten. Alles absolut wichtig. Aber psychische Krankheiten, und besonders Depressionen, ebenso.

Erst vor ein paar Tagen lese ich im Spiegel einen Artikel zum Thema. Ein Psychiater rät dringend davon ab, sich am Arbeitsplatz als depressiv zu outen. Denn dann hätte man einen Makel, würde nicht mehr ernst genommen werden, sei vielleicht die letzte Wahl bei Beförderung und die erste bei Kündigung. Der Interviewer fragt zurecht, ob schweigen und Geschichten ausdenken nicht hinderlich für die Akzeptanz in der Gesellschaft dem Thema Depression gegenüber sei. Der Psychiater bleibt bei seiner Einstellung.

Ich hab so genug. Kein Mensch auf dieser Welt schämt sich dafür, eine Bronchitis zu haben, oft erkältet zu sein, sich den Arm zu brechen oder unter Kopfschmerzen zu leiden. Zurecht! Niemand wird nicht befördert oder kritisch beäugt, wenn er die obligatorischen 2-3 mal im Jahr wegen irgendeiner körperlichen Krankheit ausfällt.

Aber eine Depression soll man verstecken, soll unter den Tisch gekehrt werden? Ist nicht makellos genug, auf dem Level von Fußpilz. Muss ja keiner wissen. Könnte zum Dauerzustand werden und das kann man unmöglich riskieren. Es geht zwar gefühlt jedem 2. schlecht, aber wir tun mal alle so, als wäre das nicht so.

Mit dem Geheimnis, Fußpilz zu haben, kommt man alleine um einiges besser klar, als damit, unter einer Depression zu leiden. Das schlimme an der Sache ist nicht nur, dass psychische Krankheiten auch 2019 immer noch behandelt werden, wie außerirdische Eindringlinge, obwohl es die Lebensrealität von über 4 Millionen Menschen ist. Es würde Betroffenen zudem enorm helfen, nicht vermittelt zu bekommen, dass sie nun gesellschaftlich absteigen, dass man ihnen nichts mehr zutraut, dass eine Depression etwas (negativ) Besonderes ist, mit dem man andere bitteschön nicht zu konfrontieren hat. Wie ein blutiger Unfall, wenn man nicht hinsieht, ist es gar nicht da, puh, Glück gehabt, man muss sich nicht dazu verhalten, das wäre ja auch eine Zumutung.

Das muss aufhören. Das schweigen, das Gefühl, schweigen zu müssen. Weil man sonst beruflich und privat einfach irgendwie nicht mehr cool ist und andere einen vielleicht meiden. Es muss mehr Offenheit an das Thema ran. Eine Wunde braucht Sauerstoff.

Wenn über 4 Millionen Menschen leiden, ist das keine seltene, außerirdische Erscheinung und so sollte es auch nicht behandelt werden. Wir sind darauf getrimmt, nach Produktivität, Wachstum, Effizienz zu streben, dem nachzuhecheln, komme was wolle. Dass uns nach und nach dabei immer mehr Menschen abschmieren, soll eben hingenommen werden, gehört wohl dazu.

Es muss in einer Welt, in der wir mühelos um den Globus jetten, jeden Tag neue Technik entwickeln, auf dem scheinbar höchsten Stand der Entwicklung sind, möglich sein, dem Arbeitgeber, Freunden, der Familie oder dem Internet zu erzählen, dass man depressiv ist. Es darf nicht mehr peinlich sein, eine Therapie zu machen, sich Hilfe zu holen. Menschen, die depressiv sind und weiterhin arbeiten, müssen unterstützt, statt abgestoßen werden.

An einer Krankheit ist nichts peinlich, nichts makelbehaftet. Eine Krankheit fühlt sich für jeden anders an, folgt nicht immer vorgegebenen Prognosen. Eine Krankheit ist eine Belastung, eine Last, die ein kleines bisschen leichter wird, wenn man andere einweiht.

Indem ich das hier tippe, bewege ich keine Menschenmassen zum umdenken. Aber wenn sich ein einziger Mensch angesprochen und ein bisschen mehr verstanden fühlt, reicht das.

8 Kommentare

  1. Liebe Arunika,

    nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich Dich virtuell für diesen Eintrag dort oben einmal ganz fest in die Arme schließe.

    Dass ich das tue, hat damit zu tun, dass ich unter anderem eine Diagnose habe, die der entspricht, von der und über die Du geschrieben hast. Ich habe sehr viel durch damit. einen kompletten Zusammenbruch, viele Therapien, einen siebenwöchigen Klinikaufenthalt.

    Ich bin trotz allem wieder arbeiten gegangen, habe auch dort dann ziemliche Odysseen erlebt, bin nie mehr „der Alte“ geworden. Bis heute brauche ich Medikamente, will aber nicht aufgeben. – Etliche Menschen um mich herum verstehen nicht, dass ich nicht wieder „richtig gesund“ bin, setzen voraus, dass ich doch nun mal wieder sein muss.

    Ein paar ganz wenige VERSTEHEN meine Situation, meine ständigen „Aufs“ und „Abs“, die immer und immer wiederkehren, haben sich nicht ge- oder entnervt von mir entfernt oder gar abgewendet. Ohne diese Menschen weiß ich nicht, ob ich hier heute schreiben würde…

    Ich danke Dir sehr für Deine Empathie, für Deinen Appell hier – er war, er ist nicht umsonst. Es ist ganz wundervoll für mich, durch Deinen Eintrag zu wissen, dass es wohl doch ein paar mehr Menschen gibt, die so denken wie Du, die ich nur nicht so wahrnehme.

    Von Herzen liebe Grüße an Dich!

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    1. Danke für deine sehr offenen, persönlichen Worte! Es tut mir leid und weh, das zu hören. Leider bin ich auch nicht nur Beobachter, was die ganze Sache anbelangt, sondern durchlebe eine solche Phase auch zum wiederholten mal, wobei ich mich nicht beklagen will und darf, ich habe soweit wieder überwiegend gute Tage. Ich weiß aber genau, wie es ist, wie weh es tut und wie hilflos man sich den Menschen gegenüber fühlt, die einfach kein Verständnis aufbringen können oder wollen. Wie man sich immer wieder gezwungen sieht, zu rechtfertigen und wie wenig Wissen es immer noch insgesamt darüber gibt. Ich wünsche mir wirklich, dass sich eine Veränderung im Hinblick auf Verständnis und Akzeptanz psychischen Krankheiten gegenüber vollzieht. Wir müssen uns alle mehr unterstützen und mehr versuchen, zu verstehen, anstatt immer mehr Distanz aufzubauen und sich gefühlsmäßig abzusondern. Naja, ich freue mich aufjedenfall sehr, wenn du dich angesprochen gefühlt hast! Liebe Grüße zurück!

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      1. Dankeschön auch für diese Worte, die ja nun mir persönlich gelten. Sie haben mich sehr berührt, vor allem Dein Mitfühlen.

        Ich wünsche Dir sehr, dass auch Du mehr Verständnis begegnest und vor allem, dass Du Deine jetzige wohl nicht so optimale Phase so rasch und so gut als möglich überstehen wirst und dann wieder und weiter sonnigere Tage für Dich kommen.

        Alles Liebe, Dir!

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  2. Danke für diesen tollen Beitrag. Ich habe es selbst erlebt, aussortiert zu werden. Zunächst hieß es vom AG, es sei für meine Arbeit (Beratung & Bildung für Frauen) wertvoll selbst erkrankt zu sein.Während meiner Erkrankung und Arbeitsunfähigkeit war ich stets im Kontakt mit dem Arbeitgeber, der mir stets versicherte, unterstützend für mich da zu sein und so habe ich den AG auch erlebt. In einer siebenwöchigen Reha fand ich wieder Kraft und Mut dem Leben entgegenzutreten und war so froh, meine Arbeit wieder angehen zu können. Doch dann das AUS. Vertrag nicht verlängert. Ich würde es jedoch immer wieder so machen wie ich es tat: offen mit dem Thema umgehen. Dein Beitrag hat mir gut getan. Vielen Dank dafür 🙂

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    1. Danke für deine offenen Wort! Tut mir leid zu hören, dass du ganz offensichtlich für deine Ehrlichkeit bestraft wurdest. Trotzdem super stark, dass du weiter offen damit umgehen willst! Ich glaube auch, dass das der richtige Weg ist, nur so kann sich etwas ändern.

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