Ort des Grauens: Fahrstuhl

Aufzüge haben ihr ganz eigenes Innenleben, sobald man sie betritt. Man hat, je nach Größe, ein paar Meter um sich herum Platz. Man ist in einer kleinen Blechtupperbox eingeschlossen und wartet darauf, nach Sekunden oder Minuten wieder entlassen zu werden. Ein kurzer Übergangsmoment bestenfalls. Ist man alleine im Fahrstuhl, kann man sich fast wohlfühlen, kurz loslassen. Das eigene Gesicht im neongrellen Licht begutachten, die Haltung fallen lassen, sich anlehnen. Aufzug Fahren kann ein kurzer Moment der Erholung sein, wenn man sich unbeobachtet fühlt. Während der Fahrt kann keiner rein, man selbst nicht raus, die Dauer einer Aufzugfahrt ist begrenzt. Alles ist überschau- und absehbar, geht man mal nicht davon aus, dass der Kasten stecken bleibt oder abstürzt, wie in allen gängigen Horrorfilmen.

Anders sieht die Sache aus, wenn jemand hinzusteigt. Das ist manchmal fast ein bisschen, wie beim Zähne Putzen beobachtet zu werden. Oder beim Trinken, Essen, bei irgendetwas, bei dem man nicht direkt und länger angesehen werden möchte, weil es seinen normalen Gang verliert, wenn jemand zusieht.

Jemand dringt in die Intimität der Fahrstuhlfahrt ein. Unangenehm. Wer hat nicht schon mal schnell den „Tür schließen“-Knopf gedrückt, wenn sich hörbar von außen jemand dem Aufzug genähert hat? (Ich hoffe, andere machen das auch?) Natürlich nur dann, wenn der andere nicht sehen konnte, dass man versucht, ihn nicht mitfahren zu lassen. Unauffällig, verschämt und freudig, wenn es klappt.

Je kleiner der Aufzug, desto schlimmer, wenn jemand mitfährt. Natürlich gibt es riesige Aufzüge, in riesigen Gebäuden, in denen man sowieso nie alleine ist und das auch einfach so hinnimmt. Das ist dann eher wie am Bahnsteig Stehen, man sucht sich seine Ecke und hofft, dass es nicht zu voll wird und man gleich als Erster rein- bzw. rausstürmen kann.

Nun ist man aber in einem zu kleinen Objekt gelandet und als wäre das nicht schon Zumutung genug, gesellt sich 1 Person dazu.

Was tut man?

  1. Man starrt an die gegenüberliegende Seite des Aufzugs oder auf den Boden und wird von dem eigenen Bewusstsein über den unangenehmen Moment fast ohnmächtig.
  2. Man lenkt sich ab. Handy.
  3. Man schaut den anderen immer wieder kurz an und checkt, wie der mit der Situation umgeht. Kann gefährlich werden, wenn dieser ebenfalls so vorgeht.
  4. Man schaut umher, schaut sich alles nervös an, nur nicht die Person, die mit im Fahrstuhl fährt.
  5. Man lächelt den Anderen an und tut so, als wäre man völlig lässig.
  6. Man schließt die Augen und zählt die Sekunden.
  7. Man beginnt ein Gespräch und riskiert, die eigene Deplatziertheit ins unendliche zu steigern, falls der Mitfahrer völlig abgeneigt ist.

Es ist ein bisschen, wie auf dem Zahnarztstuhl zu sitzen, während der Zahnarzt im eigenen Mund herumwerkelt. Schaut man währenddessen an die Decke? Schließt man die Augen? Schaut man dem Zahnarzt in die Augen, während dessen Augen in einen hineinblicken? Gibt es da ein richtiges Vorgehen? Denkt der Zahnarzt beim falschen Vorgehen “ Mein Gott, was für ein Idiot ist das denn, das geht ja gar nicht!“ Fragen, die erstmal offen bleiben.

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