Für weniger Disziplin

nicht mehr sondern weniger

Ich erinnere mich daran, wir alle erinnern uns daran, dass es mal cool war, zu McDonalds zu gehen, keinen Sport zu machen, sondern stinkfaul zu sein und auf dem Pausenhof oder sonst wo, heimlich zu rauchen. Es war cool, Alkohol zu trinken, zu feiern, bis der Club zu macht und am nächsten Tag verkatert im Bett rumzulungern. Es war cool, nicht auf Klausuren zu lernen, Hausaufgaben nicht zu machen, zu chillen. Es war cool, sich gehen zu lassen.

Undiszipliniert zu sein war cool. Ob das gut ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Jedenfalls ist der öffentliche Tonus über die Jahre gefühlt ins andere Extrem abgedriftet.

Jetzt lieben wir Salate, Bowls und Haferzeugs. Wir haben nur Verachtung für die Menschen über, die wirklich noch regelmäßig dieses McDonalds betreten. Wir machen Sport, 3-4 mal die Woche, gehen Joggen, ins Fitnessstudio oder zum Yoga und stellen vorallem sicher, dass andere davon erfahren. Wir trinken, wenn überhaupt, gemäßigt, um am nächsten Tag produktiv zu sein. Wir sind sowieso am liebsten jede Sekunde des Tages produktiv. Produktiv, selbstbeherrscht und diszipliniert. Wir gehen am Wochenende aller, aller spätestens um 1 Uhr ins Bett, wir zeigen allen, wie viel und hart wir arbeiten, schmücken uns mit Überstunden oder nächtlichen Sitzungen am Schreibtisch und suhlen uns im Workaholic-Dasein, wie ein rosarotes Schweinchen im Schlamm.

Das ist gruselig und es wird immer gruseliger. Wir brauchen nicht mehr Disziplin, wir brauchen weniger.

Wir brauchen mehr vergeudete Zeit auf dem Sofa, mehr Nächte mit 10 Stunden Schlaf, mehr Tage im Schlafanzug. Wir brauchen mehr Zucker, mehr Essen, das ungesund ist, vielleicht sogar mehr McDonalds.

Es gibt nichts zu applaudieren, wenn Leute sich gegenseitig ihre Produktivität, ihre Erfolge und Anstrengungen ständig unter die Nase reiben, sich zeigen, wie sie sich zu immer noch mehr Druck und Perfektion antreiben, sich mental auspeitschen, wenn irgendein Bereich in ihrem Leben noch nicht durchperfektioniert ist.

Wir müssen nicht mehr Sport machen, gesünder essen, besser aussehen. Wir müssen aufjedenfall nicht mehr arbeiten und schon gar nicht an uns selbst. Wir brauchen weder mehr Hobbys noch bessere noch müssen wir unser Wochenende mehr gestalten und tolle Aktivitäten im Freien planen, die wir nachher auf Instagram posten. Wir müssen unsere Schlafenszeit nicht optimieren, wir brauchen keinen Meal-Plan und wir müssen uns auch nicht zu mehr Achtsamkeit prügeln. Wir müssen nicht endlich aufhören, zu naschen, fettige Chips zu essen oder Kaffee zu trinken. Wir müssen unsere vier Wände nicht optimieren, mehr Ordnung halten, öfter putzen. Wir müssen nicht besser Englisch sprechen, nur noch Serien mit Sinn und Tiefe sehen oder nur noch deutsche Klassik lesen.

Wir brauchen nicht mehr Disziplin, wir brauchen weniger.

 

 

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