…Dann schuf Gott die 40-Stunden-Woche

So muss es offensichtlich gewesen sein. Denn etwas menschengemachtes, das nicht mehr zeitgemäß ist, hätte sich sonst wohl im Laufe der Zeit angepasst, oder? Nein, natürlich nicht. Die 40-Stunden-Woche ist so veraltet wie der Walkman, nur dass hier leider immer noch kein Iphone in Sicht ist. Why?

Die 40-Stunden-Woche gibt es seit rund 100 Jahren. Seitdem ist augenscheinlich viel passiert, die meisten Menschen sitzen sich mittlerweile den Hintern im Büro platt, sind von mindestens 3,5 technischen Geräten umgeben, die alle gleichzeitig  was von ihnen wollen und könnten ihre Arbeit theoretisch auch von zu Hause aus machen (ja, nicht alle, schon klar).

Trotzdem ändert sich rein gar nichts am 8 Stunden Tag. Jeder weiß, dass kein Mensch 8 Stunden am Tag produktiv arbeitet, außer er ist wahnsinnig oder unter enormem Druck oder hat sich etwas eingeworfen. Aber sonst: keiner. Jeder, absolut jeder Millenial und auch nicht-Millenial im Büro liest Nachrichten, lungert auf Instagram und Twitter rum, schreibt auf Whatsapp, guckt nach, wie das Wetter die nächsten 14 Tage aussieht und was am Wochenende so geht. Weil, ist ja eh noch 6 Stunden hin bis zum Feierabend.

In einer britischen Studie kam heraus, dass die dort befragten Arbeitnehmer im Schnitt 3 von 8 Stunden produktiv arbeiten. 3!!!! 5 Stunden werden heimlich verbummelt. 5 Stunden in denen der Körper zwar im Büro verweilt, der Geist aber eigentlich schon vor Netflix hängt. 5 Stunden, in denen man statt so-tun-als-ob essen, spazieren, schlafen, Pflanzen gießen, an die Wand starren oder eben netflixen könnte. Müssten nicht alle Beteiligten so tun, als wäre es sinnvoll, dass man vom 8-Stunden-Tag eingesperrt in seinem Arbeitsknast verbringt. Das ist bekloppt.

Viele Versuche und Modelle weisen darauf hin, dass der 6-Stunden-Tag oder die 4-Tage-Woche sehr viel zeitgemäßer und auch effizienter sind. Wer zeitlich begrenzter arbeiten muss, ist zügiger, eiert weniger rum. Mehr Freizeit bedeutet mehr Erholung, Spaß, Gesundheit. Weniger Burn-Out, Depression, Rückenschmerzen und Fehltage. Mehr Motivation und Kreativität. Win-win eigentlich. Aber nein, Gott hat die 40-Stunden-Woche geschaffen und sie möge uns für immer erhalten bleiben.

Es ist absolut nicht zeitgemäß, keine Zeit für einen Termin bei der Bank, fürs zur Post Gehen oder einen Arzttermin zu haben. Für ein Essen mit Freunden und genug Schlaf. Vereinbarkeit von Beruf und normalem Leben nicht gegeben. Ganz zuschweigen von Familie und Arbeit. Frauen würden gestärkt werden, wenn Teilzeit das neue Vollzeit wäre. Sie sind es meist, die für die Kinder zuhause bleiben und die Arbeitszeit reduzieren, die somit weniger verdienen und geringer Aufstiegschancen haben. Care-Arbeit bezahlt einem keiner, gemacht werden muss sie trotzdem (von Frauen halt immer noch zum Großteil).

Vieles spricht dafür und trotzdem traut sich kaum einer ran. Hat man ja schon immer so gemacht. Eigenständig in Teilzeit gehen kann nur, wer es sich leisten kann. Teilzeit (womit ich alles deutlich unter 40 Stunden meine, nicht explizit 20 Stunden) sollte aber kein Luxus sein. Man kann nur hoffen, dass via göttlicher Fügung Teilzeit zur neuen Vollzeit wird, am besten früher als in 100 Jahren.

7 Kommentare

  1. Ebenso pradox, wie schlimm ist, dass je mehr Zeit wir durch technische Neuerungen (vor allem im digitalen Kommunikationsbereich, aber auch auf vielen anderen feldern) eigentlich gewinnen (müssten), desto weniger Zeit haben. Etwa für Banktermine, Arztbesuche, für die Familie etc. – Auch Raum für Kreativität ist nicht automatisch gegeben. Die Verbürokratisierung macht diese Räume eher, mindestens gefühlt, immer kleiner.

    Allerdings gebe ich eines zu bedenken: Ich meine, dass „Büromenschen“ doch in gewisser Weise ein „Luxusproblem“ haben, was die 40-Stunden-Woche angeht (ohne Deinen Argumenten widersprechen zu wollen). Eine Krankenschwester auf Notstation, eine Pflegekraft, ein Bergarbeiter, eine Kassiererin in einem Supermarkt, um nur einige Beispiele zu nennen, werden sich nicht mit der „Möglichkeit“ konfrontiert sehen, 5 von 8 Stunden auf ihrem Smartphone zu verweilen …

    Liebe Grüße!

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    1. Absolut, da geb ich dir recht. Menschen, die körperlich arbeiten, im Schichtdienst usw. haben nochmal ganz andere und auch einfach schwerer wiegende Belastungen. Allerdings hab ich da wenig bis keinen Einblick und kann da nicht wirklich für sprechen.
      Liebe Grüße zurück

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  2. Nun, es gibt sehr viel, was für den organisierten 8 Stunden – Tag spricht. Zum einen, er wurde hart erkämpft, davor waren die Arbeitszeiten noch ganz anders getaktet. Dies aufzugeben weigern sich ja eben die Gewerkschaften. Zum anderen, vergessst nicht: alle unsere Selbständigen arbeiten noch viel mehr. 6o – Stunden Woche ist für so jemanden knapp bemessen. Und ich möcht das auch gar nicht bezweifeln noch, dass das wohlausgefüllte Arbeitsstunden sind. Z.B. jedes Mittagessen, das selbstredend keine (arbeitsrechtliche, ebenfalls hart erkämpfte Zwangs-) Pause, sondern ein absetzbares Arbeitsessen war.Weshalb dieser fleißige Mensch ja auch diejenigen, die gegen seinen erklärten Willen nach 8 Stunden einfach heimgehen zu recht rüffeln darf. Ginge es nämlich nach dem ominösen Herrn Steuerzahler, der bekanntlich, wenn er sich zu Wort meldet, seltsamerweise eigentlich obiger Herr Steuersparer ist, der alles und jedes absetzt, arbeitet jeder abhängig Beschäftigte zu wenig, zu kurz und überhaupt und genaugenommen eigentlich gar nicht richtig. Er hält deshalb auch gar nicht viel vom regulierten Arbeitstag sondern wäre mehr so der lockere Typ, gar kein Problem, nimmt dir frei, work – life balance und so, ja, peace, Bruder – aber halt, jetzt doch nicht! Das muß noch fertig werden. Und das. Und, entschuldige, mir ist da grad noch was eingefallen, ja, ich weiß dass es Samstag und kurz vor Mitternacht ist, wieso? – ich denke, beim Wettern gegen den geregelten Arbeitstag sollte erst mal scharf nachgedacht werden, z.B. über die Regelungen der Arbeitszeit in südostasiatischen Kleidungsfabriken, ostasiatischen Großraumbüros und in afrikanischen Minen. Das nämlich wären in etwa die Arbeitsbedingungen, die sich oben mehrfach erwähnter Herr für den Rest der Bevölkerung vorstellen könnte. Sollten wir freilich unter uns bleiben, ohne dass er zuhört, mache ich beim Regelarbeitszeit verspotten gerne eine Runde mit.

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