Freiwilligenarbeit: Nette Idee, aber…

Ok, ich wollte selbst jahrelang Freiwilligenarbeit machen. Am liebsten in Equador im Dschungel, in einer Auffangstation. 2-3 Wochen dachte ich mir, reicht ja auch. Ich hab mir vorgestellt, wie ich mit den anderen Freiwilligen in einem großen Haus wohne und am Wochenende tolle Dinge unternehme. Wie ich in der Auffangstation Affenbabys füttere, Papageien pflege und verletzten Tierchen helfe, sodass sie wieder ausgewildert werden können. Nach 2 Wochen reise ich dann reich an Eindrücken zurück nach Deutschland und kann erzählen, was ich unglaublich Tolles und Authentisches gelernt habe.

Nicht. Es ist nie zustande gekommen, hauptsächlich aus dem Grund, dass es sau teuer ist. Mittlerweile gibt es 2643 private Anbieter, die eine Reise ins Abenteuer und die vermeintlich gute Tat verkaufen. Und das meistens zu horrenden Preisen, tausende von Euro dafür, dass ich irgendwo mitarbeiten darf. Hmm.

Der Voluntourismus boomt seit Jahren. Wer nach dem Abi nicht wenigstens einmal freiwillig in einem südlichen Land gearbeitet hat, mit dem stimmt irgendetwas nicht.

Was das Problem an Freiwilligenarbeit eigentlich ist?

Wie schon gesagt, fängt es damit an, dass Reiseanbieter einiges an dem Konzept verdienen. Wieviel davon überhaupt beim jeweiligen Projekt oder sonst irgendwo ankommt, ist völlig unklar.

Zweitens kann man in 2-4 Wochen kaum wertvolle Arbeit leisten. Die Südhalbkugel ist nicht unser Spielplatz, auf dem wir mal ein paar Tage rumtollen und dann wieder in unser sauberes Wohnzimmer fliegen. Es geht dort um echte Menschen, Tiere und deren Leben. Es kann nicht sinnvoll für das jeweilige Projekt sein, wenn man kurz reinschnuppert und dann wieder abhaut. Vorallem wenn es um Arbeit mit Kindern geht, kann man diesen nicht ernsthaft alle 2 Wochen jemand anderes vorsetzen und denken, dass das eine gute Idee ist.

Sowieso: Was haben wir (obwohl nicht wirklich weiß und ganz deutsch und europäisch, zähle ich mich einfach mal dazu) Europäer genau in tropischen Ländern zum „Helfen“ verloren? Ein bisschen Kolonialismus schwingt da schon mit. Man nennt es heutzutage White Savior Complex. Die Vorstellung, dass der weiße, gebildete, zivilisierte Mensch in die Entwicklungsländer reist, um mal zu zeigen, wie die Sache eigentlich funktioniert. Weil alleine und ohne den Euopäer bekommen es die Menschen dort natürlich eh nicht gebacken. Überlegenheitsdenken und am Ende Rassismus.

Abgesehen davon, haben auch die Leute vor Ort entdeckt, dass sich mit den lustigen Touristen Geld verdienen lässt. Arbeitsplätze gehen verloren, weil stattdessen lieber Freiwillige eingesetzt werden. Tiere in Auffangstationen werden absichtlich nicht wieder ausgewildert unter dem Deckmantel des Schutzes. Dabei lässt sich mit vermeintlich kranken Tieren, die nicht wieder ausgewildert werden, einfach besser verdienen. Das ist alles sehr, sehr falsch und absolut nicht unterstützenswert. Auch nicht, um danach tolle Erfahrungen und Insta-Pics mit nach Hause zu nehmen.

Also keine Freiwilligenarbeit?

Es kommt darauf an. Nicht alles in dem Bereich muss grundsätzlich verteufelt werden. Organisationen wie weltwärts.de vermitteln ab 6 Monate in Projekte, die garantiert keine Jobs verhindern. Weltwärts verdient nichts an den Freiwilligen, die Organisation wird staatlich unterstützt. Man kann sich auf Projektstellen bewerben, aber nicht einfach einbuchen. So eine Freiwilligenarbeit erscheint sinnvoll und vertretbar.

 

6 Kommentare

  1. Ja, eigentlich steht’s schon am Anfang: die Organisationen verdienen sich eine goldene Nase an den jungen Leuten. Da ist doch was faul. Zumindest können sich ganz normale Jungmenschen aus ganz normalen – europäischen, ja doch – Familien das gar nicht leisten! 3, 4 Wochen? das ist maximal ein Urlaub, kein Erlebnis der anderen Art. Ein Freund einer meiner Töchter war in einem südamerikanischen Land. Ein Jahr. Ähnlich eine Freundin, ebenfalls – diese spanischsprechende Raum scheint irgendwie in zu sein – im sogenannten Lateinamerika. Meine Tochter, allerdings schlicht work and travel, selbstorganisiert (das ist sonst genauso eine Geldmaschine!), in Australien. Wir reden von Monaten, drunter wird das nichts, sonst unterschätzt man das Fremde, Andersartige, für uns Eigenartige – also genau das, nach dem man sucht. Sonst kann man das auch im Tierheim nebenan machen. Ich vergleiche das ganz gern mit der Mode, alle möglichen Katzen und Hunde aus dem Ausland anzuschleppen oder, schlimmer, Kinder. Ja, das kann für das betroffene Individuum auch eine richtig gute Sache werden – aber es ist auch, immer, ein herausreißen aus Herkunft und Gewohntem und es ist ein ziemlich mutwilliger Import von Problemlagen, bleiben wir beim Vierbeiner, sonst bekommt es in den wenigen Sätzen einen ganz unguten Klang, angeblich ist da ja alles geimpft und so weiter – ich kenne genug, die krank eingeschleppt wurden. Danke sehr, Organisation XY und leichtgläubiger Mitteleuropäer. Es ist dann das Gleiche, nur verbrämt, wie die illegalen Tiertransporte aus Osteuropa, das Angebot an Wühltischwelpen – als wenn wir kranke Viecher und üble Massenvermehrer nicht schon hier genug hätten! Dabei will ich Helfen nicht schlechtreden, helfen ist grundsätzlich immer gut und besser als nicht helfen, egal, ob irgendwo auf der Südhalbkugel oder vor Ort, zu Hause. Aber gerade der Helfer sollte sein Gehirn einschalten, einen halben Schritt zurückgehen und die Situation betrachten, beurteilen bevor er sein Helfersyndrom auslebt und großzügig und -spurig eingreift. Natürlich kann man überall auf der Welt Helfer brauchen, die Not lindern, die Not der Menschen, die sich selbst nicht helfen können, die Not der Tiere, der Natur, überall und es ist, meine ich, sehr in ORdnung, das in Kalkutta (noch längst nicht auf der Südhalbkugel) oder Nairobi zu tun. Ebenso wie in Köln oder Nürnberg. Aber bewußt, mit der möglichst klaren Überlegung, auf was man sich da einläßt. Rassismus? Ist es, meine ich, dann, wenn ich tatsächlich glaube, dass ich z.B. als deutscher Abiturient mit wegen Unterbewertung der sogenannten Bildung verkürzter Schulzeit mehr weiß, als der alte Dorfzauberer im Ebolagebiet weit, weit im Kongourwald. Wenn ich dagegen das Erfahrungswissen der Einheimischen nur und mit Vorsicht um das (na, wäre doch besser, er wäre schon Assistenzarzt als Abiturient?) angelesene theoretische Weltwissen des Jungbürgers einer sogenannten entwickelten Industriegesellschaft zu verbinden versuche kann daraus etwas Gutes für alle Lernwilligen – und das ist zunächst und vor allem hoffentlich der junge Mensch – werden.

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  2. So ein wichtiger, richtiger Text!
    Aber generell finde ich, läuft da bei unserem Reisewahn so einiges schief. Hier wird man zum Teil komisch angeschaut, wenn man nicht mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fährt bzw fliegt, sondern stattdessen im „langweiligen“ Deutschland bleibt, tolle Strandbilder sehen ja im Instafeed auch einfach ansprechender aus. Dass ein Massentourismus an die immergleichen Orte aber für diese Länder mehr Fluch als Segen ist, ist den wenigsten bewusst. Den Einwohnern aber gehen die Arbeitsplätze verloren, sie finden keine bezahlbaren Wohnungen mehr und kommen bei der Müllentsorgung gar nicht mehr hinterher. Letztens bei 3sat lief da so eine Dokureihe (kritisch reisen), die mich selbst schockiert und überrascht hat, weil ich mich damit noch kaum beschäftigt hatte.
    Liebe Grüße!

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  3. Das Reisen an sich ist eine gute Sache. Man lernt kennen, nämlich Menschen, Gegenden, Welt, Kulturen, Naturaspekte… Allerdings verreist kaum mehr jemand. Alle rasen, fliegen, eilen außer den wahren Reisenden von heute, den Feierabend- und Ferienstaufans. Die zumindest ihre unmittelbaren Nachbarn in der abgasstinkenden Schlange kennenlernen. Doch früher reiste der Mensch meist nicht so weit, nicht so eilig – schon klar, mangels technischer Möglichkeiten – doch sein Erlebnis war weit unmittelbarer. Er fuhr mit der Kutsche, ritt oder, ganz das Übliche, er ging. Auf seinen Füßen. Ob Lenz oder der Wanderer in der Mark Brandenburg, es war einfach das Normale. Der Umweltschaden, der vielbeschrieene ökologische Fußabdruck hielt sich in Grenzen.
    Ja, ich weiß, eine Zeitfrage. Bei mir ja auch. Ich wandere gern, ich spaziere gern und behaupte (immer noch): Wege zu Fuß sind keine Wege. Im Sinne von möglichst rasch und beiläufig zurückzulegender Wegstrecke. Aber dann sitze ich doch wieder in oder auf so einem modernen Verkehrsmittel und erfreue mich auch oft am Komfort und der Geschwindigkeit, das gebe ich unumwunden zu, schiebe Zwänge vor und leiste mir dann halt das heute schon übliche schlechte Gewissen. Um so größer das SUV und die Flugreise, um so größer das erforderliche schlechte Gewissen – um so ein besserer Mensch muß das wohl sein! Die moderne Ausführung des Pharisäers.

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  4. Es gibt da einen Trick, den heute kaum jemand anwendet, der nicht im Reiseprospekt steht und den auch ich, trotzdem er auf der Hand zu liegen scheint nur immer mal wieder erinnere und keineswegs konsequent umsetze: weniger viel, weniger weit, weniger schnell reisen. Weniger Ziele, das gute alte „der Weg ist das Ziel.“ Es muß nicht immer die Weltreise sein (wie ließ Polt seine Reisenden sprechen? „Letztes Jahr ham wir so eine Weltreise gmacht – aber i sag’s ihnen glei, da fahrn wir nicht mehr hin!“), der ferne Kontinent, bescheidenere und beschaulichere Zielsetzungen eignen sich zwar kaum zum Angeben, können aber gleich oder mehr wert sein, was das eigene und echte Erlebnis angeht.

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